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Psychologie der westl. Goldgräber

Psychologie der Goldgräber – Goldrausch in Leipzig

Einblicke in die Psychologie des Goldgräbers N. Dikigoros
DER GROßE GOLDRAUSCH- Von Kalifornien bis Leipzig

Jahreswende 1847/48. Little Joe (der richtig John Mackay heißt; der Spitzname hängt ihm an, seit er als Neunjähriger ins Land gekommen ist) sitzt mit ein paar Bekannten in einem geliehenen Ochsenkarren, den er mit großem Geschick durch die Wüste von Nevada steuert. Sie haben gehört, daß man jetzt jenseits des großen Gebirges, das sie den eisigen Vorhang, Sierra Nevada, nennen, schnell reich werden kann. Dahinter liegt nämlich ein Fluß namens Sacramento, da braucht man nur die Hand ins Wasser zu halten, schon hat man sie voll Gold. Jeder, der es im Osten zu nichts gebracht hat, weil er dumm, faul oder einfach nur vom Pech verfolgt ist, sieht seine große Chance gekommen. Wurde ja auch Zeit. Die marode Weltmacht Spanien kann ihre Satelliten politisch und wirtschaftlich nicht mehr stützen. Formell sind sie inzwischen alle selbständig, auch das Vize-Königreich Mexiko, zu dem das sagenhafte Goldland, das neue „El Dorado“, gehört. Noch gehört, denn bald soll es mit den Vereinigten Staaten von Amerika vereinigt werden. Natürlich gibt es wie immer irgendwelche Leute, die dagegen sind, die mexikanische Regierung zum Beispiel; aber da reisen kurzerhand mal ein paar amerikanische Touristen bis nach Mexico City, in schmucker dunkelblauer Reisekleidung mit vielen goldfarbenen Knöpfen, den mehrschüssigen Spazierstock in der Hand, und – was nicht weniger überzeugend wirkt – der Kleinigkeit von 15 Millionen Dollar in der Tasche, als „Entschädigung“ für die marode mexikanische Wirtschaft. Und da auch der kleine Mann nicht darben soll, wird der mexikanische Peso im Verhältnis 1:1 gegen US-Dollar umgetauscht. Viel zu großzügig, wie die Opposition meint. Aber wen kümmert schon deren Geschwätz… „Blühende Landschaften“, so hat es die Regierung versprochen, werden in dem neuen Bundesstaat entstehen. „California“ nennen sie ihn, „Heißer Ofen“, aber noch reist man nicht auf den gleichnamigen Motorrädern, wie 100 Jahre später.
Die Reisewelle, die nun gen Westen rollt, fließt noch langsamer, im Planwagen, zu Pferd oder auch zu Fuß. Ob Roß und Wagen oder selbst die Schuhe gekauft, geklaut oder geliehen sind, kümmert niemanden: Wenn man erst viel Geld gemacht hat, wird man alles leicht bezahlen können…

Da jetzt so viele Leute reisen, wollen auch die Regierenden nicht zurück stehen. Die reisen allerdings incognito. Zum Beispiel in das beliebte Seebad Biarritz. Dort treffen sich unter höchster Geheimhaltungs-Stufe die englische Regierungschefin, Queen Victoria (die eigentlich Alexandrina heißt, nach ihrem Taufpaten, dem russischen Zaren – aber das ist eine andere Geschichte), und der französische Präsident Louis Bonaparte (der sich bald zum Kaiser machen und „Napoleon III“ nennen wird). Eigentlich mögen sie einander nicht sonderlich, aber die gemeinsame Gefahr bringt sie zusammen. England hat in den letzten 75 Jahren zwei kostspielige Kriege gegen die USA geführt – sollen all diese Opfer vergeblich gewesen sein? „Das ist unsere letzte Chance, mein lieber Louis,“ meint Drina, „wenn wir der amerikanischen Expansion jetzt keinen Riegel vorschieben, wird es zu spät sein.“ Louis stimmt ihr da voll und ganz zu; allerdings sind die Kräfteverhältnisse schon jetzt nicht mehr so, daß England und Frankreich das alleine durchziehen könnten. Vorsichtig strecken sie Fühler nach Deutschland aus – zu dem Drina schließlich noch verwandtschaftliche Beziehungen hat. Aber der preußische Sondergesandte, Herr von Becker, winkt ab, und sein Chef, Herr von dem Bussche, ebenfalls: Berlin hat kein Interesse an einem Krieg gegen die USA; man hat genug eigene Sorgen. So ist die Vereinigung Kaliforniens mit den USA denn beschlossene Sache; und die Politiker in London und Paris harren sorgenvoll der Dinge, die da kommen sollen.

[Exkurs. Einige Besser-Wessis (und Besser-Ossis 🙂 haben sich bemüßigt gefühlt, Dikigoros zu schreiben, daß das, was er hier einleitend geschrieben hat, „historisch“ nicht richtig sei. Vielmehr seien die ersten Goldfunde in Kalifornien erst 1848, also fast zwei Jahre nach Ausbruch des Krieges gegen Mexiko, gemacht worden und hätten mit letzterem in keinerlei ursächlichem Zusammenhang gestanden. Wohl wahr, liebe Leser, aber es geht Dikigoros gar nicht um jenen Krieg. Der war in der Tat nicht um Kalifornien geführt worden, sondern um Texas, das die USA anno 1845 annektiert hatten. In Kalifornien lebten damals – allen Behauptungen gewisser Rechter zum Trotz, die daraus einen „Krieg der Rassen“ machen wollen – gerade mal 500 weiße, angelsächsische, protestantische Amerikaner, daneben 24 mal soviele Mexikaner und 48 mal soviele Indianer. Gewiß, eine Handvoll weißer Idioten (man nannte sie tatsächlich „Idiots“, zumal ihr Anführer Willi Ide hieß :-), denen im heißen Sommer von 1846 die kalifornische Sonne etwas zu stark aufs Gehirn geknallt war, hatten in dem Wüstenkaff Sonora die „unabhängige Bären-Republik Kalifornien“ ausgerufen – dieser Witz sollte später in die „patriotische“ Geschichts-Schreibung als „Bärenflaggen-Revolution“ eingehen -, und ein kleiner Navy-Kapitän war drei Wochen später in Monterey gelandet und hatte dort eigenmächtig den Anschluß Kaliforniens an die USA verkündet; aber das nahm damals noch niemand ernst. Die US-Truppen waren während des Krieges schließlich auch in Veracruz gelandet und hatten Mexico City besetzt – aber das bedeutete nicht, daß sie diese Gebiete später annektieren wollten; sie wollten wie gesagt eigentlich nur Texas, und dieses Ziel hatten sie im Sommer 1847 nach der Kapitulation Santa Anas praktisch erreicht. Aber dann kam alles ganz anders: Im Januar 1848 wurde im Sacramento-Tal Gold gefunden, und die US-Politiker reagierten sofort: Im 2+4-Vertrag von Guadalupe Hidalgo im Februar 1848 ließen sie sich von den Mexikanern Arizona, Nevada, Kalifornien und Utah (und Teile des heutigen New Mexico, Colorado und Wyoming) abtreten – wohlgemerkt gegen eine Entschädigung in der oben genannten Höhe. Exkurs Ende.]

Ein paar Jahre später. Die US-Wirtschaft geht den Bach hinunter, Kredite platzen, Banken machen Pleite. Die Inflation – hervorgerufen durch die riesigen Goldfunde in Kalifornien, denen keine gleichwertige Produktion gegenüber steht – hat den US-Dollar ruiniert; eine neue Währung wird eingeführt, der „Handels-Dollar“ – mit dem aber niemand Handel treiben will; die Leute bevorzugen den mexikanischen Peso oder gar den China-Dollar. Der Goldrausch ist verflogen. Ganz wenige hat er reich gemacht, vor allem die Betrüger, die den alkoholisierten Goldsuchern ihre Claims für’n Appel und’n Ei abkauften, und andere Kriminelle, die ihnen auch das bißchen Geld noch aus der Nase zogen. Einige haben halbwegs gut daran verdient, zum Beispiel die Barbetreiber, Zuhälter und Roßtäuscher. Die anderen (bei weitem die meisten) hat er ruiniert. Fast drei Jahrzehnte – bis 1878 – wird die schwere Krise anhalten; bis es langsam wieder aufwärts geht – so ab 1896 – wird fast ein halbes Jahrhundert vergehen; und noch ein knappes Jahrhundert später – anno 1935 – wird bei den Gouverneurs-Wahlen eine Liste kandidieren, die den ebenso originellen wie traurigen Namen EPIC trägt: „End Poverty in California [beendet die Armut in Kalifornien]“. Was bleibt, ist eine neue Hauptstadt, die heißt auch Sacramento. Da bleiben einige hängen, die sich so durchwursteln. Little Joe zum Beispiel. Er hängt sich ein Schild „Anwalt“ vor die Tür und träumt bis an sein seliges Ende vom großen Geld. Der Traum vergeht; aber die Faszination des Goldrausches an sich ist ungebrochen.
* * * * *

Jahreswende 1989/90. Little Joe (der tatsächlich so heißt – jedenfalls, wenn man seinen deutschen Namen ins Englische übersetzt), El Turco, Steuermann und Dikigoros sitzen in einem geliehenen BMW der neuesten Baureihe (mit Bordcomputer – man weiß ja nie, wo man sonst landet) und düsen gen Osten. Am Steuer sitzt nicht Steuermann (obwohl die Spitznamen sonst durchaus Bezug zur Person haben – aber Steuermann hat ihn noch aus seiner Zeit bei der Marine), sondern Little Joe. Er hat mit seinem Namensvetter vor knapp anderthalb Jahrhunderten den Beruf gemeinsam und die Mobilität. Er fährt wie eine Eins, vorausgesetzt, er hat vorher auch selber ordentlich „getankt“. Das ist zwar in höchstem Maße unverantwortlich, und als Anwalt müßte er das eigentlich wissen; aber seine Kollegen sagen nichts – und wenn sich vier Juristen schon mal einig sind, gilt Nietzsches Spruch: „Geteiltes Unrecht ist halbes Recht“. Und geteilt war man ja nun lange genug. Aber vor ein paar Wochen hat sich die Mauer geöffnet, die sie den eisernen Vorhang nannten. Die marode Weltmacht Rußland kann ihre Satelliten politisch und wirtschaftlich nicht mehr stützen. Formell sind sie ohnehin alle selbständig, auch die DDR, die als wirtschaftlich erfolgreichstes Mitglied zum Comecon gehört. Noch gehört, denn bald soll sie mit der BRD (und später mal mit den Vereinigten Staaten von Europa, die manchen Politikern vorschweben) vereinigt werden (manche sagen auch „wiedervereinigt“, obwohl diese beiden Staaten ja noch nie zuvor vereinigt waren). Natürlich gibt es wie immer irgendwelche Leute, die dagegen sind, die russische Regierung zum Beispiel; aber da reisen kurzerhand mal ein paar westdeutsche Touristen bis nach Moskau, in schmucken Nadelstreifen-Anzügen (böse Zungen sagen später: „Nieten in Nadelstreifen“), mit der Kleinigkeit von 15 Milliarden US-Dollar in der Tasche, als „Entschädigung“ für die marode russische Wirtschaft. Und da auch der kleine Mann nicht darben soll, werden sowohl die Transfer-Rubel (so nennt man Rubel, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt und auch nie gab, außer auf den getürkten Rechnungen einiger staatlich anerkannter Gauner und Betrüger) als auch die eigentlich wertlosen Alu-Chips (so heißt die DDR-Währung im Volksmund, dem noch nicht aufgefallen ist, daß auch die DM schon lange nicht mehr aus Edelmetall geprägt wird) im Verhältnis 1:1 gegen DM umgerubelt, pardon, umgetauscht. Außerdem sollen rund 100 Milliarden DM pro Jahr in die neuen Bundesländer gepumpt werden – viel zu großzügig, wie der Oppositionsführer meint. Aber wen kümmert schon das Geschwätz dieses kleinen, dicken Wichtigtuers, den sie den „Napoleon von der Saar“ nennen? „Blühende Landschaften“ werden in den neuen Bundesländern entstehen, so hat es der große, gewichtige Kanzler versprochen, den sie den „Schwarzen Riesen“ nennen, und er muß es schließlich wissen. Selbst sein Vor-vorgänger, den sie den „Roten Hahn“ nannten (und der böse Zungen zu dem Witz inspiriert hat, daß Reichstag und Bundestag gleichermaßen durch einen Brand zerstört worden seien), hat mit vom roten Wein schwerer Zunge gelallt: „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört.“

Da jetzt so viele Leute reisen, wollen auch die Regierenden nicht zurück stehen. Die reisen allerdings incognito. Zum Beispiel in das beliebte Seebad Brighton. Dort treffen sich unter höchster Geheimhaltungs-Stufe die englische Regierungschefin, Mrs. Thatcher (die eigentlich studierte Chemikerin ist) und der französische Präsident Mitterrand (ein ehemaliger Nazi-Kollaborateur, der es trotzdem irgendwie geschafft hat, in der Sozialistischen Partei Karriere zu machen, was sehr für sein politisches Geschick spricht). Eigentlich mögen sie einander nicht sonderlich, aber die gemeinsame Gefahr bringt sie zusammen. England hat in den letzten 75 Jahren zwei kostspielige Kriege gegen Deutschland geführt – sollen all diese Opfer vergeblich gewesen sein? „Wenn wir der deutschen Expansion jetzt keinen Riegel vorschieben, wird es zu spät sein, mein lieber Francis,“ meint Maggy, „das ist unsere letzte Chance.“ Francis stimmt ihr da voll und ganz zu; allerdings sind die Kräfteverhältnisse schon jetzt nicht mehr so, daß England und Frankreich das alleine durchziehen könnten. Vorsichtig strecken sie Fühler nach Amerika aus – zu dem Maggy schließlich noch verwandtschaftliche Beziehungen hat. Aber der amerikanische Außenminister, Mr. Baker – nicht verwandt und nicht verschwägert mit Herr von Becker -, winkt ab, und sein Chef, Mr. Bush – nicht verwandt und nicht verschwägert mit Herrn von dem Bussche -, ebenfalls: Washington hat kein Interesse an einem Krieg gegen Deutschland; man hat genug eigene Sorgen. So ist die Vereinigung der DDR mit der BRD denn beschlossene Sache; und die Politiker in London und Paris harren sorgenvoll der Dinge, die da kommen sollen.

In Deutschland herrscht nun Goldgräber-Stimmung, hüben wie drüben. Und so rollt denn neben der Reisewelle von Ost nach West, über die die Medien jeden Tag ausgiebig berichten, fast unbemerkt auch eine Gegenwelle von West nach Ost, von lauter Leuten, die der Westen nicht mehr, der Osten aber schon ganz dringend braucht: Abgehalfterte Politiker, überzählige Beamte im Beförderungsstau, Versicherungsvertreter, Kreditvermittler, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und – Rechtsanwälte. Eigentlich wollten sie ja zu fünft reisen, aber Vladi Tape hat in der letzten großen staatlichen Lotterie, die die untergehende DDR veranstaltete, einen Haupttreffer gezogen: Die Genehmigung zur Errichtung einer Zweigstelle in Leipzig. Da hat er es nicht mehr nötig, sich mit „diesen Stasi-Schweinen“ einzulassen, wie er die DDR-Anwälte nennt, um mit ihnen eine Kooperation einzugehen und halbe-halbe zu machen. Dikigoros hatte auch mit gespielt in der Lotterie und ist stinksauer, daß er nicht gewonnen hat – angeblich ist sein Los verloren gegangen, aber wahrscheinlich haben Vladi und andere einen blauen „Hunni“ mehr über den Tisch geschoben. Eigentlich hat auch er keine Lust, mit DDR-Anwälten zu kooperieren, aber es muß doch auch unter denen anständige Leute geben. Das meint jedenfalls Little Joe, der für eine große kalifornische Sozietät mit Sitz in Sacramento nach einem Standort in der DDR suchen soll. Und da er auch einer großen deutschen Partei angehört, hat er gleich eine Liste mit zuverlässigen, demokratischen, christlich-orientierten DDR-Anwälten mitgenommen, sie angeschrieben und Termine vereinbart. Und die wollen sie nun gemeinsam abklappern – acht Augen sehen bekanntlich mehr als zwei.

Bis zur Zonengrenze verläuft die Reise glatt, und danach zur allgemeinen Überraschung auch: Sie werden einfach durchgewunken; von den Schikanen der einst so gefürchteten Volkspolizei am berüchtigten Todesstreifen ist nichts zu bemerken – die haben wohl keine Lust mehr, sich kurz vor Toresschluß noch Feinde zu machen, zumal El Turco einen getürkten Presse-Ausweis an die Windschutzscheibe gepappt hat. Sie begießen das an der ersten Autobahn-Raststätte und freuen sich, daß sie in Westmark zahlen können (1:1), denn im Westen schwarz zu tauschen (10:1) haben sie sich nicht getraut. Halb neugierig, halb belustigt sehen sie die Trabis vorbei schleichen und gnädig darüber hinweg, daß das, was ihnen da serviert wird – eine Art Leipziger Allerlei -, der letzte Fraß ist. Nur Dikigoros, der immer viel Wert auf Qualität und Quantität beim Essen legt, brummt verärgert: „Kein Wunder, daß die hier auf keinen grünen Zweig gekommen sind. Der Mensch ist, was er ißt.“ – „Und was er trinkt,“ ergänzt Little Joe und gibt allen noch eine Runde aus, dann zieht die Karavane weiter gen Osten, zunehmend in Schlangenlinien – die Trabis aus Pappe und Plaste weichen respektvoll aus, wenn der dicke Wagen aus dem Westen ihnen entgegen kommt. Dikigoros stört das weniger, als wenn Little Joe rauchen würde: Das würde auch seine eigene Lunge schädigen, aber was geht ihn Little Joe’s Leber an? Steuermann trinkt selber gerne mal ein Gläschen über den Durst, und El Turco verzieht sich schweigend auf den Rücksitz und schnallt sich gut an. Bald darauf erreichen die Promille-Ritter Leipzig, die Handelsmetropole und heimliche Hauptstadt Sachsens, wo schon der olle Goethe studiert hatte, wo Barthel den Most holte. Auf dem Karl-Marx-Platz (der bald umbenannt werden soll) hat eine westliche Brauerei einen Bier-Stand errichtet; da kann man für 5.- DM pro Glas schon mal die Segnungen der westlichen Zivilisation erproben. Als Ossi kann man auch 1:1 in Alu-Chips bezahlen, und Dikigoros versteht gar nicht, daß da so ein paar Typen DDR-Fahnen, aus denen sie Hammer und Zirkel heraus geschnitten haben, und Banderolen durch die Straßen tragen, auf denen steht: „Kommt die DM bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr“. Was wollen die eigentlich? Das Bier kommt doch zu ihnen, und DM zum Bezahlen brauchen sie auch nicht.

Während Little Joe das Bier gründlich verkostet, unterhält sich Dikigoros mit ein paar Kubanerinnen, in der Sprache Kaliforniens, der, die vor 1848 dort gesprochen wurde und inzwischen wieder, denn Dikigoros versteht noch kein Sächsisch. Die Frauen haben große Angst, im Falle einer Wiedervereinigung Deutschland verlassen zu müssen; und in Kuba sehe es noch schlimmer aus als hier… Überall verfallene Häuser und bewohnte Ruinen – dabei soll Leipzig noch Gold sein im Vergleich zu anderen DDR-Städten! Mit großer Mühe finden die vier einen bewachten Parkplatz für ihren BMW in der Nähe der berühmten Thomas-Kirche. Das ist die, an der Johann Sebastian Bach einst wirkte. Gleich um die Ecke liegt die Kanzlei ihres ersten Kooperations-Partners in spe, eines ganz hochkarätigen DDR-Juristen. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Rechtsanwalts-Kollegien der DDR, und er hat noch immer die Belobigungs-Urkunden des Vorsitzenden des Staatsrats der DDR an der Wand hängen, die ihn als besonders zuverlässigen Parteigenossen ausweisen. Schräg gegenüber sitzt das MfS, das Ministerium für Staatssicherheit – dessen Gebäude und Mitarbeiter bald „Arbeitsämter“ und „Arbeitsvermittler“ heißen werden. „Wie ist denn der auf Ihre Liste gekommen, Herr Kollege?“ fragt Steuermann, als die vier diese Räuberhöhle fluchtartig wieder verlassen haben. „Irrtümer kommen halt vor,“ meint Little Joe nur. Weiter geht die Fahrt nach Halle, nach Ost-Berlin, nach Frankfurt an der Oder. „Immer das gleiche,“ schimpft Dikigoros, „erst bieten sie einem Kaffee an, und dann gibt es keinen Zucker dazu. Dabei würde ich viel lieber Tee trinken, auch ohne Zucker.“ Aber all das ist Mangelware; selbst grusinischer Tee ist nicht zu bekommen. Und den Kaffee haben sie wohl nur angeschafft, um den westlichen Gästen zu imponieren, denkt Dikigoros. [Er weiß noch nicht, wie wichtig den Ossis, deren Berufsleben hauptsächlich aus Kaffee-Pausen bestand, dieses Genußmittel war und ist, und welch harte Kämpfe sie gegen ihre Regierung geführt und gewonnen haben, um statt des „Erichs Krönung“ genannten Muckefucks wieder „richtigen“ Kaffee zu bekommen – obwohl sich die DDR die halbe Milliarde Westmark jährlich für Kaffee-Importe eigentlich schon lange nicht mehr hätte leisten dürfen]. Wenn jemand wider Erwarten auch noch Zucker haben will, wird schnell die Tippse los geschickt, um ein Tütchen zu organisieren – einfach im HO-Laden gibt es den ja nicht jederzeit zu kaufen. „Ist das alles, was Ihnen immer gleich vorgekommen ist, Herr Kollege?“ fragt Steuermann, „wenn Sie keine andere Sorgen haben…“ Dikigoros schweigt. „Das waren allesamt ganz beinharte, linientreue Kommunisten; mit so etwas können wir nicht zusammen arbeiten,“ stellt El Turco fest, „woher haben Sie bloß diese Liste?“ – „Von Konsistorial-Präsident Dr. H.“ Das ist der Nachfolger eines DDR-Kirchenmannes, der bald Ministerpräsident des größten mitteldeutschen Bundeslandes werden soll – wenn der nicht zuverlässig ist, wer dann? Bald darauf kommt heraus, daß Dr. H. „Stasi-OibE“ [Offizier im besonderen Einsatz des Ministeriums für Staatssicherheit] ist und daß er Little Joe ganz gezielt eine Liste mit handverlesenen Genossen zugespielt hat – die müssen schließlich auch sehen, wo sie bleiben. Einer der Typen besitzt sogar die Frechheit, sich bei der Rechtsanwalts-Kammer zu beschweren, weil die ihm angeblich schon mündlich zugesagte Kooperation dann doch nicht zustande gekommen ist. Little Joe bekommt eine Menge Ärger mit seinen Kaliforniern, El Turco und Steuermann verkrachen sich tüchtig, und Dikigoros sucht seinen Kollegen Vladi auf (den mit dem Lotto-Gewinn) und diskutiert das Hauptproblem: Die Genehmigung steht unter dem Vorbehalt, daß binnen eines Jahres eine Zweigstelle in Leipzig eingerichtet wird, und Büroräume sind dort Mangelware. Woher nehmen und nicht stehlen?

Jahreswende 1990/91. Dikigoros‘ Telefon klingelt. Vladi ist am Apparat: „Ich habe einen Mandanten aus Leipzig, der gerade in den Westen übersiedelt. Er hat noch eine große Wohnung in bester Lage, 100 m vom alten Reichsgericht, gegenüber vom Bezirksgericht.“ – „Kosten?“ – „Das glaubst du nicht, 72 Pf pro Quadratmeter. Und es gibt sogar einen Telefon-Anschluß, du weißt, wie selten das ist.“ Die DDR ist vor knapp 3 Monaten untergegangen, d.h. mit der Bundesrepublik „wiedervereinigt“ worden, und ganz Leipzig ist eine Baustelle. Aber genügend Büro-Räume gibt es immer noch nicht, im Gegenteil: alte Gebäude werden abgerissen, und die wenigen fertigen Neubauten sind zeitweise so teuer geworden, daß sie niemand bezahlen kann. „Gratuliere. Aber wozu brauchst du die DDR-Genehmigung jetzt überhaupt noch?“ – „Mensch, denk‘ doch mal nach. Zweigstellen und überörtliche Sozietäten im Inland sind bei uns verboten. Mit einer Ausnahme: Die DDR gilt in dieser Hinsicht immer noch als Ausland, und die alten DDR-Genehmigungen gelten laut Einigungsvertrag fort, d.h. ich kann drüben eine Kanzlei aufmachen und einen Referendar ‚rein setzen, ohne mit einem anderen Kollegen teilen zu müssen.“ – „Schön für dich, aber was geht mich das an?“ – „Wenn du ab und zu mal ‚rüber fahren und nach dem Rechten sehen würdest – du bekämst auch ein paar schöne, lukrative Mandate von mir…“ Dikigoros fährt nach Leipzig, hängt an der bewußten Wohnung ein Schild „Rechtsanwaltskanzlei Vladi, Zweigstelle Leipzig“ auf, findet auch eine Referendarin, die froh ist, dort gegen freies Logis unterkriechen zu können, und harrt der Dinge, die da kommen sollen. Er ist selber neugierig und bereit, Zeit und Geld zu investieren, um das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten „an der Front“ hautnah mit zu erleben.

Dikigoros ist nicht der einzige in der Familie, der dazu bereit ist: Auf der Weihnachtsfeier im Familienkreis verkündet sein Schwager (genauer gesagt sein Schwipp-Schwager, der Mann der älteren Schwester seiner Frau) mit stolzgeschwellter und ordensbehängter Brust, daß sein Arbeitgeber soeben eine Ex-Konkurrenz-Firma aus der Ex-DDR aufgekauft und ihn zum Werksleiter befördert habe. Zum 1.1. geht er nach drüben, mit „Buschgeld-Zulage“. Der Herr Dipl.-Physiker und Dr. Ing. ist stolz wie Oskar und hat das Angebot des Kultusministeriums, ihn als schlecht dotierten C2-Professor einzustellen, kaltlächelnd abgelehnt – in seiner neuen Position wird er ein vielfaches verdienen. Und weil er ja künftig so viel verdient, hat ihm im Vorgriff darauf auch schon so ein Politbonze, pardon, Staatsmann das Bundesverdienstkreuz verliehen. (Was heißt hier eigentlich „verliehen“? Er muß es ja nicht zurück geben, sondern darf es behalten und auf Weihnachtsfeiern spazieren tragen!) „Weil ich auch persönlich einen weit überdurchschnittlichen Beitrag zur Wiedervereinigung unseres Landes geleistet habe.“ Der Schwiegervater, ein uralter, schon immer etwas kauziger und zunehmend schwerhöriger Schulmeister im Ruhestand, der als einzigen „Orden“ ein altes Goldenes Sportabzeichen besitzt, obwohl er dem Vaterland doch viel länger gedient hat (den „Gefrierfleisch-Orden“ unseligen Angedenkens hat er freilich schon längst weg geworfen) kann es kaum glauben: So viele Vorschuß-Lorbeeren… Oder sollten seine mißratenen Schwiegersöhne es doch noch zu etwas gebracht haben, ohne daß er es mit bekommen hat? Er hätte es ja lieber gesehen, wenn seine beiden Töchter (die dritte hat er auf der Flucht aus der DDR verloren, nicht an der damals noch kaum befestigten Zonengrenze, sondern, schon im Westen, im Flüchtlingslager; sie ist an einer der damals noch weit verbreiteten Epidemien gestorben) etwas Anständiges geheiratet hätten, einen Lehrer, einen Pfarrer oder sonst irgend einen ehrbaren Beamten auf Lebenszeit. Statt dessen haben sie sich, ohne ihn zu fragen, ja gegen seinen ausdrücklichen Rat, mit diesen Hallodris verehelicht, kaum daß sie volljährig waren, und noch bevor sie ihre eigene Berufsausbildung abgeschlossen hatten. Da ist er sich im Ergebnis mit dem Schwiegervater seiner ältesten Tochter durchaus einig: Der war Oberstudiendirektor und Leiter eines altehrwürdigen Gymnasiums in der Landeshauptstadt und hat nie verstanden, warum sein Sohn sich diese zickige kleine Tochter eines daher gelaufenen Dorfschul-Rektors aus der Ostzone ans Bein gebunden hat.

Doch nun herrscht – zum ersten Mal seit Dikigoros zurück denken kann – eitel Sonnenschein bei einer Familienfeier, zumal der Schwiegervater immer fest an die Wiedervereinigung geglaubt hat und sich nun bestätigt sieht. Er hat sogar die Witwe seines jüngsten Vetters eingeladen, ein weißhaarige alte Dame, der man die Ossinesin auf den ersten Blick weder ansieht noch anhört: Sie sächselt nicht, sondern berlinert, wie sich das gehört für eine Brandenburgerin aus unmittelbarer Nähe der alten Reichs- und neuen Bundeshauptstadt. Der Schwiegervater ist großzügig: Er tritt ihrem Enkel schenkungshalber alle Ansprüche auf den alten Bauernhof ab, der irgendwann enteignet worden ist und den sie nun vom Staat zurück haben wollen. Dikigoros findet, man sollte besser Bauland daraus machen als noch so eine marode Schweine-Klitsche; aber er will die gute Stimmung nicht verderben und sagt nichts. Sein eigener Vater, ein pensionierter Beamter, der sich 1945 geschworen hatte, nach Mecklenburg zurück zu kehren – wo er das Kriegsende erlebt hatte -, wenn es denn je zur Wiedervereinigung kommen sollte, trauert der verpaßten Chance nach: Er ist inzwischen nicht nur pensioniert, sondern auch schwer krank und muß neidvoll zusehen, wie seine jüngeren Kollegen nach drüben gehen und dafür die Beförderungen einheimsen, die er selber so gerne bekommen hätte. Nur Dikigoros‘ Mutter teilt die allgemeine Begeisterung nicht; sie meint, man hätte lieber alles so lassen sollen wie es war – aber sie hat halt keine persönlichen Bindungen zu Ossiland. „Wehe ich höre hier noch einmal die Worte Ossi und Wessi,“ kräht der Schwiegervater, „wir sind ein Volk, und alle miteinander Deutsche.“ Dikigoros schmunzelt, als er diesen schon fast vergessenen, aber plötzlich wieder sehr populären (vor allem bei den Ossis) Spruch aus der gescheiterten Revolution von 1848 hört; er fühlt sich eh als „Nordi“ und versteht die „Wessis“ (das sind für ihn die kölschen, bönnschen und meenzer Jecken im Rheinland) ebenso schlecht wie die „Ossis“ (das sind für ihn die glubschenden Dieringer und Sogsen). Seinetwegen könnte man gerne umsteigen auf „Bundi“ und „Zoni“, wie einer seiner neuen Mandanten aus den neuen Bundesländern zu sagen pflegt, ein Fotograf, den sie als jugendlichen Leistungssportler zum Krüppel gedopt haben. Er geht an Krücken, aber das mit bemerkenswerter Schnelligkeit, und er hofft zuversichtlich, daß er eine angemessene Entschädigung und seine alten Trainer und „Ärzte“ ihre gerechte Strafe erhalten werden.

Und dann ist da noch der Trauzeuge von Dikigoros und seiner Frau, Zille heißt er. Er ist gelernter Lehrer für Geschichte und Englisch, aber da es davon viel zu viele gibt, hat er in diesem Beruf keine Stellung gefunden und ist statt dessen Archivar geworden, in einer Bonner Behörde. Das wird nicht schlechter bezahlt als Lehrer, aber es stinkt ihm schon lange: „Ich habe doch keinen Beruf erlernt, in dem ich mit jungen Leuten umgehen kann, damit ich hier alte Akten entstaube und Papier schwärze.“ Und auch seine Frau – die ihre Ausbildung zur Lehrerin abgebrochen hat, wegen der schlechten Berufsaussichten – langweilt sich schon lange bei ihrem zwar übertariflich bezahlten, aber doch ziemlich drögen Job als Chef-Verkäuferin in der Sportabteilung eines großen Warenhauses (da braucht sie kein Staatsexamen). Sie sprechen mit niemandem darüber, bevor es nicht sicher ist, dann stellen sie ihre Freunde plötzlich vor vollendete Tatsachen: „Ich gehe übrigens nächste Woche nach Sachsen,“ sagt Zille auf seiner Geburtstags-Feier, „ich habe eine Stelle als Lehrer bekommen, und Ulla zieht zum Jahresende nach.“ Den Freunden klappt die Kinnlade herunter, dann bestürmen sie ihn mit Fragen. „Es ist alles ganz ideal,“ schwärmt Zille, „das war eine Elite-Schule mit Schwerpunkt Sport, und da herrscht noch eine wunderbare Disziplin, niemand tanzt den Lehrern auf der Nase herum wie hier im Westen.“ – „Und die Bezahlung?“ – „Ach, die paar Mark weniger… In ein paar Jahren wird das Gehalt auf 100% west angehoben, dann werde ich auch verbeamtet, und Fachleiter werde ich sowieso, die haben doch sonst keine Lehrer für Geschichte und Englisch, nur so alte Kader für Staatsbürgerkunde und Russisch. Und wenn die SED-Funktionäre abgesägt werden, werde ich vielleicht sogar bald Direktor.“ Da könnte man ja fast neidisch werden… „Aber wo wohnt ihr, wo geht ihr einkaufen, und was macht Ulla da drüben?“ – „Tja, ich weiß schon, warum ich nicht nach Dresden oder Leipzig gegangen bin, sondern in eine Kleinstadt; ich habe natürlich gleich ein billiges Haus gekauft, mit einem günstigen Kredit der KfA, die ersten Jahre tilgungsfrei, da muß zwar noch etwas renoviert werden, aber das schaffe ich schon, ich habe ja keine zwei linken Hände.“ Zille blickt spöttisch in die Runde. Er ist zwar Akademiker, aber im Gegensatz zu seinen Freunden hat er eine Ausbildung als Tischler und Automechaniker – zwar beide abgebrochen, aber in der Praxis gleichwohl recht nützlich. „Und wenn erst ein Kaufhaus am Ort aufmacht, wird Ulla dort sicher als Abteilungsleiterin anfangen können.“ Dikigoros, seine Frau und die anderen Freunde schleichen bedröppelt nach Hause: nun müssen sie wieder Handwerker kommen lassen, wenn das Licht nicht brennt oder der Wasserhahn tropft, denn Zille wohnt künftig gut 500 km von ihnen entfernt.

Jahreswende 1993/94. In der Cafeteria ihres Landgerichts sitzen sich Vladi und Dikigoros gegenüber und sprechen zum ersten Mal seit fast einem Jahr wieder miteinander. Fast ebenso lange haben sie gegen einander prozessiert, und nun hat der Richter sie endlich zu einem Vergleich genötigt, der den Rechtsstreit beendet. Dikigoros kann sich nicht beklagen, er hat lediglich einen Anstandsrabatt auf seine ursprüngliche Forderung geben müssen, dafür spart er sich weitere Arbeit und Unwägbarkeiten in höheren Instanzen. Und Vladi ist froh, daß er dieses unselige Kapitel endlich abschließen kann; ihn hat das Abenteuer DDR ungefähr 140.000.- DM gekostet, seinen Leipziger Mandanten (für den er noch einige aussichtslose Prozesse geführt hat) fast ebenso viel – aber beide haben Kredit bei ihrer Hausbank, und nun können auch sie sich des schönen Gefühls erfreuen, persönlich einen weit überdurchschnittlichen finanziellen Beitrag zur Wiedervereinigung ihres Landes geleistet zu haben (allerdings hat ihnen dafür noch niemand einen Orden verliehen – das Leben ist halt ungerecht). Dikigoros, der auf solche großen Gefühle weniger Wert legt, ist plus-minus Null ‚raus gekommen; El Turco und Steuermann haben sich dem Vernehmen nach wieder vertragen und prozessieren gerade gemeinsam gegen Little Joe um die Kosten ihrer gescheiterten Träume Ost. Die Nation ist erwacht und kollektiv verkatert, hüben wie drüben. Der Goldrausch ist verflogen. Ganz wenige hat er reich gemacht, zumeist Wirtschaftskriminelle, die sich rechtzeitig „Transfer-Rubel“ ergaunerten, die sie dann 1:1 in DM umgetauscht bekamen, oder solche, die mit korrupten Mitarbeitern der „Treuhand“ halbe-halbe machten, Ex-DDR-Staatsbetriebe für eine symbolische DM kauften, Milliarden an Subventionen kassierten, die Betriebe dann in Konkurs gehen ließen und sich mit dem Geld absetzten. Einige haben halbwegs gut daran verdient, zumeist die Barbetreiber, Zuhälter und Autohändler. Die anderen – bei weitem die meisten – hat er ruiniert. Die Arbeitslosigkeit in der Ex-DDR liegt offiziell bei 20%, inoffiziell (d.h. wenn man diejenigen mitrechnet, die ihre Zeit mit Umschulungen, Arbeitsbeschafftungs-Maßnahmen und ähnlichen Beschäftigungs-Therapien verbringen) bei 40%; wenn man noch die Vorruheständler mitzählt, sind ca. 60% der alten Arbeitsplätze verloren gegangen, in der „Produktion“ sogar fast 80%; erhalten geblieben sind überwiegend unproduktive Stellen für Sesselpupser[innen] im Öffentlichen Dienst. Denn die Ossi-Produkte sind nicht nur teuer, sondern auch unbrauchbar bzw. ungenießbar, und daher außerhalb der DDR so gut (oder besser gesagt so schlecht) wie unverkäuflich, obwohl einige Kaufhäuser und Supermarkt-Ketten im Westen sich dem politischen Druck beugen, ein paar davon in ihre Regale zu stellen. Immer wenn Dikigoros so etwas in die Finger gerät stellt er es zurück und beschwert sich beim Abteilungs- bzw. Filialleiter. Andere Wessis, die weniger scharf aufpassen, kaufen es genau einmal und dann nie wieder. Was sonst noch bleibt ist eine neue Hauptstadt, die heißt auch Berlin, wie die alte Hauptstadt der DDR.

Vladi und Dikigoros lassen Revue passieren, wie es so weit kommen konnte: Nach dem Mauerfall wollte kein DDR-Bürger mehr etwas mit DDR-Anwälten zu tun haben – die hatten in ihren Augen nicht für die Mandanten gearbeitet, sondern für das SED-System. Für einen Anwalt aus dem Westen waren sie bereit, das 20% höhere Honorar und die Reisekosten zu bezahlen. Zwei Jahre später war die Stimmung vollkommen umgeschlagen: Das Leipziger Allerlei war besser und das West-Bier billiger geworden – aber kein Ex-DDR-Bürger wollte es mehr trinken. Und kein Ex-DDR-Bürger wollte mehr etwas mit West-Anwälten zu tun haben – die arbeiteten in ihren Augen nicht für die Mandanten, sondern nur für ihre eigene Brieftasche. Die West-Brauereien kauften die Namensrechte der alten DDR-Marken auf und steigerten so ihre Bier-Umsätze. Die alten DDR-Anwälte (und die neuen, d.h. alle Richter, Staatsanwälte, Verwaltungsjuristen und Justitiare a.D.) hängten sich flugs ein Schild „Dipl.-Jurist“ (das war der Studienabschluß der DDR-Juristen) vor die Tür und steigerten so ebenfalls ihre Umsätze. Ohne ein solches Schild hatte bald keine Kanzlei in den neuen Bundesländern mehr eine Chance, jedenfalls nicht bei Ex-DDR-Bürgern. „Na wenn schon,“ hatte Vladi gesagt, „ich vertrete ja ordentliche Mandanten, aus dem Westen.“ Zunächst ging das auch ganz gut, denn an den Gerichten der 1. Instanz, den „Kreisgerichten“, herrschte in den neuen Bundesländern eh kein Anwaltszwang, auch kein Lokalisierungsgebot, anders als bei den Landgerichten in den alten Bundesländern. Doch als die ersten Prozesse in die 2. Instanz gingen, platzte die Bombe: „West-Anwälte, die in den neuen Bundesländern lediglich eine Zweigstelle betreiben, sind vor den Bezirksgerichten nicht postulationsfähig.“ Das erste Gericht, das diese Grundsatz-Entscheidung fällte, war das Bezirksgericht Dresden, und betroffen war just – Vladi. Der protestierte, prozessierte und argumentierte: „Wozu habe ich eine Extra-Genehmigung erwirkt, wenn ich dann nicht anders vor Gericht auftreten darf als jeder andere West-Anwalt ohne diese Genehmigung auch?“ – „Die Genehmigung wurde nicht erteilt im Hinblick auf die Postulationsfähigkeit des Anwalts vor Gericht, sondern lediglich im Hinblick auf die Einrichtung einer Zweigstelle auf dem Boden der damaligen DDR,“ stand in der Urteilsbegründung. Viele Berufungen waren dadurch verfristet, Vladi hatte bald jede Menge Schadensersatzklagen am Hals – und auch die verlor er.

Zu allem Überfluß bekam Vladi auch noch Ärger mit der Zweigstelle als solcher: Eine undurchsichtige türkische Investoren-Gruppe aus München hatte (nicht nur) das Haus erworben, in dem seine Kanzlei lag, und alle Räume bis auf diese luxus-saniert. Und natürlich die Fassade, das rechtfertigte schon eine Mieterhöhung um 900%, oder? Vladi meinte nein, die Gerichte meinten ja. Das Bezirksgericht Dresden fällte noch weitere bemerkenswerte Grundsatz-Entscheidungen, zum Beispiel: „Die Bundesrepublik ist nicht Rechtsnachfolgerin der DDR, daher braucht sie Opfer des DDR-Sports nichts zu entschädigen.“ Dikigoros‘ Fotograf verstand die Welt nicht mehr. Immerhin bekam Dikigoros für dessen Vater die Kriegsbeschädigten-Rente durch; aber das war kein großes Kunststück; denn in Sachen Altersversorgung zeigte sich die BRD so großzügig wie in Sachen Entschädigung knauserig – es war ja schon immer so gewesen, daß sie für die DDR-Rentner aufkam, obwohl die nie etwas in die Rentenkasse eingezahlt hatten – bald bekamen die Ossis im Schnitt mehr Rente als die Wessis, die sie finanziert hatten. Selbst das Ehepaar Honecker bezog in Chile seine fette Pension – zwar ohne den Sonder-Zuschlag für besonders verdiente Partei-Bonzen und Stasi-Leute, aber immerhin… Dikigoros war inzwischen heilfroh, daß er damals leer ausgegangen war bei der Lotterie um die Zweigstellen, deren vermeintliche Haupttreffer sich nun als Danaer-Geschenke entpuppen. Aber auch er verstand die vielen Fehl-Entscheidungen der Gerichte in den neuen Bundesländern allmählich nicht mehr. Waren nicht inzwischen alle alten Präsidenten, Direktoren und Vorsitzenden Richter abgesetzt und durch Juristen aus dem Westen ersetzt worden? Dikigoros ging deren Biografien nach und stellte fest, daß es sich bei diesen „Entwicklungshelfern“ fast durchweg um Leute handelte, die kurz vor Beendigung ihres Jurastudiums in der DDR in den Westen „geflohen“ oder gegen teures Geld „frei gekauft“ worden waren. Merkwürdiger Zufall? Dikigoros hatte auch mal Geschichte studiert und suchte einen seiner alten Studienfreunde auf, der inzwischen bei der Gauck-Behörde arbeitete. Der packte aus, und Dikigoros taten sich Abgründe auf: Nicht nur westliche Juristen und Beamte, sondern auch Politiker aller Couleurs standen auf der Gehaltsliste des MfS… „Aber halt bloß den Mund,“ meinte sein Freund, „das ist alles top secret und darf nicht öffentlich bekannt werden. Wenn heraus kommt, daß du das von mir hast, bin ich nicht nur meinen Job los, sondern lande im Knast, wegen Geheimnis-Verrats.“

Doch Dikigoros wollte das alles nicht auf sich beruhen lassen. Er kannte einen Redakteur des Nachrichten-Magazins „Spiegel“, und der führte zwei Jahre lang einen erfolglosen Kampf gegen den Ministerpräsidenten eines neuen Bundeslandes, der kackfrech leugnete, für die Stasi gearbeitet zu haben, obwohl die Beweise erdrückend waren. Erst viel später begriffen der Redakteur und Dikigoros, daß jener IM nicht trotz, sondern wegen seiner Stasi-Mitarbeit so populär war – denn ein viel höherer Prozentsatz der DDR-Bürger als man immer gedacht hatte war aktiv für das SED-Regime tätig gewesen und wollte sich durch einen der ihren vertreten sehen. Nicht von ungefähr stellte sich nach und nach heraus, daß die Protagonisten aller auf dem Boden der Ex-DDR neu gegründeten Parteien für die Stasi gearbeitet hatten, von „der Misere“ über Böhme, Schnur und Diestel bis zu all dem anderen Gemüse. (Wer sich ehrlich bekehren wollte, wurde als „Wendehals“ diffamiert.) Aber nicht nur dort… Dikigoros kannte auch jemanden im Bundestag. Der stellte einen Antrag, die Stasi-Vergangenheit aller Abgeordneten (auch der westdeutschen) zu überprüfen – er wurde mit Zwei-Drittel-Mehrheit abgeschmettert. Kommentar überflüssig. Aber Dikigoros ließ nicht locker: Als amerikanischer Anwalt hatte er auch Kontakte zum US-Außenministerium. Er spielte seinem Freund Justin die Unterlagen eines DDR-Juristen aus Halle zu, der nach seiner „Flucht“ in die BRD zwei Jahrzehnte lang die Geschicke der westdeutschen Außenpolitik maßgeblich bestimmt hatte, zumal er ein besonders dicker Freund des „Schwarzen Riesen“ war – den er selber an die Macht gebracht hatte. „Das hatten wir schon immer vermutet,“ meinte Justin, „aber wir konnten es nie beweisen.“ Zwei Wochen später trat „IM Tulpe“ überraschend von allen seinen Ämtern zurück – man wollte der BRD die Blamage eines öffentlichen Verfahrens ersparen und nötigte ihn daher hinter den Kulissen, „freiwillig“ abzutreten. „Das fette Schwein“, entfährt es Vladi. Der Kollege am Nebentisch – der auch nicht gerade an Magersucht leidet – dreht sich empört um. Vladi beruhigt ihn, und Dikigoros fährt in seinem Rückblick fort: Die Kollegen des dicken Tulpe weinten dicke Krokodils-Tränen, das dumm gehaltene Volk rätselte, weshalb ein so verdienter Politiker so plötzlich sang- und klanglos in der Versenkung verschwand, und Dikigoros‘ Freund bei der Gauck-Behörde bekam – unter irgend einem anderen Vorwand – von der US-Regierung einen Orden verliehen.

Doch irgendwann hatte Dikigoros keine Lust mehr, für Vladi in Leipzig „nach dem Rechten zu sehen“, zumal aus den „schönen, lukrativen Mandaten“, die Vladi ihm in Aussicht gestellt hatte, nichts geworden war: Ein paar Pleitegeier hatten ihm zwar eine Menge Arbeit gemacht, aber später nicht zahlen können. Dikigoros folgte dem Beispiel vieler Kollegen aus dem Westen: Er machte die Kanzlei in Leipzig dicht, nahm das Schild ab und legte Vladi eine Rechnung vor: Volles Anwaltshonorar für jede einzelne Reise nach Leipzig, zuzüglich Kilometer- und Abwesenheitsgeld. Das war nicht nett, aber etwas anderes war nicht vereinbart, und er mußte schließlich auch sehen, wo er blieb. Vladi weigerte sich zu zahlen, nahm sein Kanzleischild, fuhr selber nach Leipzig und hängte es wieder auf – vor die leere Kanzlei. Dikigoros verklagte Vladi auf Zahlung seines Honorars, und die Türken zeigten ihn bei der Anwaltskammer an wegen Vortäuschung einer gar nicht vorhandenen Zweigstelle. Der Prozeß mit Dikigoros ist nun beendet, das Kammerverfahren läuft noch. „Und was wirst du jetzt tun?“ fragt Dikigoros über dem dritten Kakao. „Ich lasse das Schild hängen. Niemand hat das Recht, meine Kanzlei zu betreten und herum zu schnüffeln, wie es darin aussieht und was dort gearbeitet wird. Sprechstunden nur nach Vereinbarung. Und auf meinem Briefkopf macht sich die Adresse noch immer sehr gut.“ Doch Vladi irrt. Als die Türken merken, daß niemand mehr in die „Zweigstelle“ kommt, nehmen sie das Schild einfach ab, brechen die Tür auf, wechseln das Schloß aus, luxus-sanieren die Räume und vermieten sie an einen Steuerberater, der auch der netten Dame von der Anwaltskammer bereitwillig die Tür öffnet und ihre Fragen beantwortet: „Rechtsanwalt Vladi? Nie gehört. Wer soll das sein?“ Bald darauf verschwindet Leipzig auch von Vladis Briefkopf.
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Herbst 1998. Zum Jahrestreffen der Sektion Internationales Recht der New Yorker Anwaltskammer reisen Juristen aus aller Welt nach Mexico City. Wie immer wird viel geredet von internationaler Solidarität, Völkerfreundschaft und Kooperation. Dikigoros kennt das schon. Aber abends beim Dinner sitzen die Grüppchen dann – auch wie immer – fein säuberlich getrennt nach Nationalitäten zusammen an ihren Tischen. Nein, nicht nach Sprachen (das könnte man ja noch verstehen, aus Gründen der Praktikabilität), sondern nach Nationen: Ein Amerikaner setzt sich nicht mit einem „Limey“ an einen Tisch, und ein Brite nicht mit einem „Yankee“ (Nordstaatler) oder gar einem „Redneck“ (Südstaatler), ein amerikanischer „Hispanic“ nicht mit einem „Mexi“, ein Latein-Amerikaner nicht mit einem „Gringo“, und schon gar nicht mit einem „Gachupin“ (Spanier). Die Franzosen würden sich vielleicht mit den Franko-Kanadiern an einen Tisch setzen, aber letztere sprechen ein so greuliches Französisch, daß es da Verständigungs-Schwierigkeiten gäbe. Dikigoros, der seit Jahrzehnten ein großer Freund des Gastlandes ist, setzt sich zu den Mexikanern. Die feiern das neue Grenzabkommen mit den USA: Sie haben durchgesetzt, daß die alte Grenze, der Rio Grande, de facto für Mexikaner geöffnet wird, im Gegenzug für billige Produktions-Stätten, die den USA im Grenzgebiet eingeräumt werden. „Wir sind dabei, den Gringos die Gebiete wieder abzunehmen, die sie uns vor 150 Jahren geraubt haben,“ sagt sein Gegenüber, „was unsere Männer damals mit dem Gewehr nicht geschafft haben, das schaffen unsere Frauen heute mit dem Bauch.“

Er zählt zu denen, die jene Gebiete „Aztlan“ nennen, nach dem legendären Herkunftsort der Azteken, und er und seine Gesinnungs-Genossen haben auch schon ziemlich genaue Vorstellungen, wie das in zwei bis drei Generationen aussehen soll mit der mexikanischen Wiedervereinigung: „Die unproduktiven Ostgebiete, Yucatán, Chiapas und Tabasco (das ist da, wo der Pfeffer wächst, Anm. Dikigoros), das ist wie bei Ihnen mit Ostpreußen, Hinterpommern und Schlesien, die brauchen wir nicht, da sitzen eh nur Mayas, die entlassen wir in die Unabhängigkeit, dann sollen sie sich mit Belize und Guatemala zusammen tun und sehen, ob und wie sie vom Tourismus leben können. Dann der Mittelteil, das ist wie Ihre DDR, den trennen wir auch ab, mit dem gehen wir eine lockere Föderation ein, als Arbeitskräfte-Reservoir für Billiglohnjobs im Norden, aber ohne Wirtschafts- und Währungs-Union, das wäre ein Faß ohne Boden, wie bei Ihnen. Und die guten, produktiven Gebiete im Westen und Norden fassen wir zusammen zu einer República del Norte, das wird ein Wirtschaftswunderland, da werden blühende Landschaften entstehen. Und…“ – mit einem Augenzwinkern – „wir werden einen gaaanz hohen [muuuy alto] Grenzzaun bauen, damit uns die Gringos nicht ihre Neger ‚rüber schicken; die haben sie vor 500 Jahren selber ins Land geholt, nun sollen sie sich auch selber mit ihnen herum schlagen; und die aus Kalifornien und den anderen Staaten werfen wir hinaus, das sind Illegale, die auf altem amerikanischen Gebiet nichts verloren haben.“

Ja, so mag es eines Tages (den Dikigoros aber höchstwahrscheinlich nicht mehr mit erleben wird 🙂 kommen; denn die marode Weltmacht USA kann ihre einst eroberten Gebiete bevölkerungsmäßig nicht mehr halten, weil die weißen, angelsächsischen Protestantinnen kaum noch Kinder bekommen; und um jene Gebiete zu kämpfen lohnt wohl auch nicht mehr, wenn man sieht – und die Mexikaner sehen es mit unverhohlener Schadenfreude -, was inzwischen aus Kalifornien geworden ist: ein heißer Ofen im wahrsten Sinne des Wortes, mit blutigem, heißem Pflaster. Rechtsradikale Schwarze, Weiße (die sind jetzt in der Minderheit) und Latinos (die sind jetzt in der Mehrheit) liefern einander (und der Polizei) fast täglich blutige Straßenschlachten; und die Opfer sind meist die Gelben. Längst hat Los Angeles, die „Stadt der Engel“, Bogotá und New York City den Rang abgelaufen als die amerikanische Großstadt mit der höchsten Kriminalitätsrate, ja sie schickt sich an, ihre thailändische Namensvetterin als die Nr. 1 diesseits und jenseits des Pazifiks abzulösen. Hier ist die „bunte Republik“, zu der die Grünen bald auch Deutschland machen wollen, bereits traurige Wirklichkeit geworden – das Land steht am Rande eines Bürgerkrieges zwischen den Rassen; aber von den Medien wird das alles geflissentlich ignoriert, weil nicht sein kann was nicht sein darf. (Dieses geflügelte Wort wurde übrigens von dem eingangs zitierten Christian Morgenstern geprägt.) Dikigoros geht das ja eigentlich nichts an; er ist nicht in Kalifornien zugelassen, sondern sitzt im Leitenden Ausschuß für „Osteuropäisches und Mittelasiatisches“ Recht – so vorsichtig verklausuliert bezeichnen amerikanische Juristen das Gebiet der zerfallenen Sowjetunion und ihrer ehemaligen Satelliten-Staaten. Da hat er ganz andere Sorgen – verglichen mit der Kriminalität und Rechtsunsicherheit in den dortigen Metropolen (die er inzwischen fast alle bereist hat) nehmen sich nämlich die Probleme von L.A. wie „peanuts“ aus. (Dieses geflügelte Wort wurde gerade von einem deutschen Bankier geprägt, der damit die paar Milliarden Verlust der Gläubiger eines Baulöwen umschrieb, der nach umfangreichen Investitionen in den neuen Bundesländern, vor allem in Leipzig – das in neuem Glanz erstrahlt -, Bankrott gemacht hatte.)
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Jahreswende 1999/2000. El Turco hat sich wieder mit Steuermann verkracht und eine Sozietät mit Little Joe gegründet. Inzwischen sind überörtliche Sozietäten auch im Inland erlaubt, was aber gar nicht mehr nötig ist, denn zu Neujahr fällt auch das Lokalisierungs-Gebot. In einigen Kanzleien knallen darob die Sektkorken. Nicht bei Dikigoros. Der hat eine äußerst unerquickliche Weihnachtsfeier im Familienkreis hinter sich: Sein Schwager – der diesmal ohne Bundesverdienstkreuz an der Brust erschienen ist – ist arbeitslos geworden und muß stempeln gehen. Er könnte auch gleich in Frührente gehen, denn in seinem Alter wird er keinen neuen Job mehr finden, schon gar nicht in seinem Arbeitsbereich als hoch spezialisierter Fach-Idiot. Ein Glück wenigstens, daß seine Frau Beamtin auf Lebenszeit ist, das Haus fast abbezahlt und die Kinder fast aus dem Haus. „Ich hab’s ja immer gewußt,“ kräht der Schwiegervater, „hätten meine Töchter nicht anständige Beamte heiraten können? Aber auf mich hört ja niemand! Und, wer ist diesmal wieder Schuld?“ – „Deine verfluchten Ossis,“ schimpft der Schwager, „dumm, faul und frech sind sie, und ihre Arbeitsleistung liegt gerade mal bei 40% unserer Leute im Westen, dabei haben wir ihnen die besten und modernsten Maschinen hingestellt. Und gierig und undankbar wie sie sind, verlangen sie dafür auch noch gleichen Lohn! Aber du bist ja auch abgehauen, damals, als der Ulbricht den faulen Säcken endlich mal die Arbeitsnormen ein bißchen ‚raufsetzen wollte. Recht hatte er doch; aber der Honecker hat statt dessen den Konsum angeheizt, auf Pump, und wir haben immer alles bezahlt, mit einem Kredit nach dem andern. Und unsere Politiker haben sich nicht entblödet, den Faulpelzen und Arbeitsverweigerern vom 17. Juni 1953 auch noch unseren National-Feiertag zu widmen. Na, den haben sie ja jetzt endlich abgeschafft. Aber gebessert hat sich nichts, im Gegenteil. Die Ex-DDR ist heute, gemessen an der Pro-Kopf-Produktivität ihrer Arbeitnehmer, das Gebiet mit den weltweit höchsten Lohnkosten. Jahrelang hatten wir gehofft, daß sich das irgendwann mal ändern würde und daß wir aus den roten Zahlen heraus kämen, aber es ist eher schlimmer geworden. Wir mußten drüben dicht machen, sonst wäre die ganze Firma in Konkurs gegangen.“ Er tut sich furchtbar leid und hadert mit seinem vermeintlichen Einzelschicksal, hält den Verlust seines Arbeitsplatzes für einen „weit überdurchschnittlichen persönlichen Beitrag zur Wiedervereinigung.“

Dikigoros muß an die Karikatur denken, die gerade irgendwo erschienen ist: Der Bundesadler als Huhn, das schöne große goldene Eier legt, die der westdeutsche Michel dem Ossi großzügig ‚rüber trägt; und der blöde Ossi-Gartenzwerg mit roter Zipfelmütze weiß damit nichts besseres anzufangen, als sie gleich zu zerschlagen und als Spiegeleier zu verfrühstücken… Gewiß, solche Fälle hat es gegeben, sogar reichlich; aber einige Leute im Westen versuchen auch, mit dieser pauschalen Schuldzuweisung von ihren eigenen Fehlern bei der „Wieder“-Vereinigung abzulenken, und das empfindet Dikigoros als Vergackeierung. Er weiß es besser, denn er hat mal für einen Industrieverband gearbeitet, dessen Mitgliedsfirmen hauptsächlich davon lebten (und gut lebten), daß sie High-Tech-Produkte an den CoCom-Kontrollen vorbei in den Ostblock exportierten, im Austausch gegen billige Rohstoffe und Einfach-Produkte wie Textilien. Mit dem Fall der Mauer sind all diese Märkte auf einen Schlag weg gebrochen. Kurzsichtige Politiker, von der Lobby der Exporteure massiv unter Druck gesetzt (und, wie später heraus kommen wird, auch großzügig „geschmiert“ – freilich werden sie nie wegen Bestechlichkeit oder Vorteilsannahme verurteilt, denn es gibt in der BRD kein Gesetz, daß es Parlamentariern verböte, sich schmieren zu lassen), haben versucht, als Ersatz dafür das Absatzgebiet „Neue Bundesländer“ zu schaffen, und die Voraussetzungen dafür künstlich und auf volkswirtschaftlich ungesunde Art und Weise hergestellt: Zunächst einmal mußte die Billiglohn-Konkurrenz kaputt gemacht werden, denn wenn die DDR-Mark zu einem realistischen Kurs in DM umgetauscht worden wäre – etwa 4:1 oder 5:1 – und die Löhne und Gehälter (und Renten) nicht überstürzt auf West-Niveau angehoben worden wären, dann wäre die Ex-DDR sehr schnell Export-Weltmeister geworden, weil sie die teure westdeutsche Konkurrenz auf den Weltmärkten – die ihr ja nun offen standen – mit ihren niedrigen Produktionskosten spielend unterboten hätte. Das durfte nicht sein, also führte man die Währungs-Umstellung de facto 1:1 durch, um Kaufkraft zu schaffen für die teuren West-Produkte.

Bei der Masse der tumpen Ossis kam das gut an, denn die kapierten damals noch nicht, daß ihnen auf diese Weise das wirtschaftliche Rückgrat gebrochen wurde. Erst im Rückblick bemerkten auch sie (und nicht zuletzt daraus speiste und speist sich ihr Haß auf die Wessis), daß damit so gut wie allen Privat-Unternehmen in der Ex-DDR von vorne herein der Weg in die Pleite bestimmt war, denn das gab die Produktivität der Betriebe und Mitarbeiter beim besten Willen – der wohlgemerkt nicht immer vorhanden war – nicht her. Aber auch das war beabsichtigt: Die West-Unternehmen wollten ja die solchermaßen in den Ruin getriebenen Unternehmen auf dem Boden der Ex-DDR billig aufkaufen und zu Zweigstellen umfunktionieren – so wie es auch der Arbeitgeber des Schwagers getan hat. Allein die Ämter und Behörden – bei denen es auf Produktivität nicht ankam, weder im Westen noch im Osten – konnten sich diesen Luxus leisten, denn sie bekamen das Geld ja durch Transfer-Zahlungen aus dem Westen ohne Gegenleistung wieder herein.

Aber wer das damals voraus sah und laut zu sagen wagte, wurde als Miesmacher und Unkenrufer abgetan: Die paar Anlauf-Schwierigkeiten würden sicher bald überwunden, und bis dahin konnte man ja ein paar Jahre lang die Verluste von der Steuer absetzen. (Ja, liebe Leser, auch die Kompensierung dieser Steuerausfälle durch Abschreibungen der West-Unternehmen in mittlerweile Billionen-Höhe hat der Steuern zahlende Normalverbraucher durch seinen „Solidaritäts-Zuschlag Ost“ mit finanziert, nicht bloß die direkten und indirekten Transfers in die neuen Bundesländer, auf die sich die von den Medien verbreiteten offiziellen Zahlen beschränken!) Nichts ist überwunden: Ein Jahrzehnt nach der „Wieder“-Vereinigung steigt die Zahl der Pleiten noch immer an und reißt auch die leichtsinnigen Wessi-Käufer (wer anderen eine Grube gräbt…) mit in die Insolvenz – nicht nur in der Ex-DDR sind goldene Zeiten für Konkursrechtler angebrochen. Dikigoros gehört nicht dazu, und er hat auch keine Lust, seinem Besser-Wessi von Schwager – für den er immer nur „so ein blöder Rechtsverdreher“ gewesen ist – das alles auseinander zu setzen.

Dikigoros hat selber genug Sorgen: Er hatte von seinen Reisen nach Leipzig noch gute Kontakte nach „drüben“ gehabt – er ist ein kontaktfreudiger Mensch – und an den Korrespondenz-Mandaten gut verdient. Die fallen nun weg, denn wer teilt schon mit Kollegen, wenn er das Geschäft auch alleine machen kann? Bis zuletzt war unklar, ob das Lokalisierungs-Gebot wirklich in ganz Deutschland fallen würde. Im ursprünglichen Gesetzentwurf war vorgesehen, daß West-Anwälte nur vor den Gerichten der alten Bundesländer, und Ost-Anwälte nur vor Gerichten der neuen Bundesländer sollten auftreten dürfen. Aber dann meinte irgendein Politiker aus dem Osten, das wäre eine Diskriminierung und nicht im Geiste der Wiedervereinigung, jetzt wieder eine Trennung zwischen Ost- und West-Anwälten einzuführen. Also wurde den Ost-Anwälten die Extrawurst gebraten, daß sie auch vor West-Gerichten auftreten durften. Das wiederum rief die West-Anwälte auf den Plan, die Gleichbehandlung einklagten. Und so erhielten auch sie in letzter Minute durch eine Gesetzesänderung das Recht, vor Ost-Gerichten aufzutreten. Dikigoros denkt sich sein Teil: Diese Narren, die noch nie drüben waren, und schon wieder an einen neuen Goldrausch glauben, wissen noch nichts von den Schildern „Dipl.-Jurist“ und von der Stimmung in der DDR-Bevölkerung. Er sagt wieder „DDR“ und „Ossis“. Für ihn sind das keine Landsleute, sondern „Sowjetmenschen“ (wie die Russen es nennen); und auf den blöden Spruch von vor zehn Jahren: „Wir sind ein Volk“ entgegnet er, wie so viele desillusionierte Wessis: „Wir auch“.

Und weil diese beiden Völker offenbar nicht zusammen gehören, wachsen sie auch nicht zusammen: Die Zahl der Eheschließungen zwischen Türken und Deutschen in Berlin ist noch immer höher als die zwischen Ost- und Westberlinern – von anderen Städten ganz zu schweigen. Nicht einmal die Verkehrswege wachsen zusammen: Von Bonn, der alten Hauptstadt West, nach Leipzig, der neuen Möchtegern-Metropole Ost, kann man praktisch nicht mehr mit dem Auto fahren, denn der Verkehrsinfarkt hat alle Straßen und „Autobahnen“ lahm gelegt. Akzeptable Flugverbindungen gibt es auch nicht. Und die Eisenbahn? Von Bonn nach Leipzig sind es Luftlinie von West nach Ost keine 280 km – nicht halb so weit wie von Sacramento nach Los Angeles. Die gleiche Entfernung schafft man nach Norden (Hamburg) oder Süden (Augsburg) mit dem Auto in 3, mit dem Zug in 4 Stunden; nach Ossiland ist man dagegen fast einen Tag lang unterwegs: Entweder muß man einen Riesenumweg nach Norden fahren, über Hannover und Magdeburg – das ist die Strecke, die über Berlin und Frankfurt/Oder ins Wartheland und nach Masowien führt – oder einen Riesenumweg nach Süden, über Frankfurt/Main und Erfurt – das ist die Strecke, die über Chemnitz (so heißt Karl-Marx-Stadt jetzt wieder), Dresden und Görlitz nach Schlesien und Galizien führt. Dikigoros hat in jenen Jahren viel in Osteuropa zu tun und ist beide Strecken abgefahren: nach Posen und Gnesen, Lodsch und Warschau, nach Breslau und Krakau, Przemysl und Lemberg… Dabei hat er festgestellt, daß die Polen die einstigen preußischen und österreichischen Ostgebiete noch schlimmer herunter gewirtschaftet haben als die Ossis Mitteldeutschland – aber das ist nur ein schwacher Trost.

Zurück zum Juristischen: Die wenigen DDR-Bonzen, die wegen ihrer politischen Verbrechen verurteilt wurden, sind (so sie ob der Milde ihrer Strafe nicht ohnehin längst wieder auf freiem Fuß waren), allesamt begnadigt worden, dto die „Mauerschützen“- schließlich haben sie lediglich auf Befehl gehandelt. Die Sport-Funktionäre, die so viele junge Leben verpfuscht haben, sind wenn überhaupt, dann nur zu niedrigen Geld- oder kurzen Bewährungsstrafen verurteilt worden und fast alle von westdeutschen Sport-Verbänden übernommen worden, denn auf ihre Erfahrungen als Meister-Doper von Gold-Anabolisten, pardon, Meister-Macher von Gold-Medalisten will man dort nicht verzichten – im Gegenteil: Für den im Niedergang befindlichen westdeutschen Profi-Sport ist das Reservoir an früh gesichteten, geförderten und gedopten DDR-Sportlern eine wahre Goldgrube, die einzige, welche die DDR tatsächlich zu bieten hat; so kann der komplette Austausch der trainingsfaulen westdeutschen Jung-Schlaffis – die lieber in die Disco gehen statt sich auf dem Sportplatz herum zu quälen – gegen eingebürgerte Türken, Neger und andere, die der Ehrgeiz noch zu höheren Leistungen treibt (und zur Bereitschaft, sich die Gesundheit durch „unterstützende Mittelchen“ zu ruinieren), um wenigstens eine Generation hinaus geschoben werden – das ist gut für die Einschaltquoten, denn der Fernseh-Zuschauer will „echte“ deutsche Sportler sehen. Die SED ist unter ihrem neuen Namen „PDS“ zur stärksten Partei auf dem Gebiet der DDR aufgestiegen und sitzt in Fraktions-Stärke im Bundestag. (Bald werden sie sogar in der wiedervereinigten Hauptstadt Berlin an der Regierung sitzen.) Alte Stasi-Mitarbeiter und SED-Bonzen bekommen jetzt endlich auch ihre „Ehren-Pension“ von der Bundesrepublik ausbezahlt, dafür daß sie besonders verdienstvoll gegen sie gearbeitet haben, auch Frau Honecker im fernen Chile, das inzwischen wieder eine sozialistische Regierung hat. Ihr Mann hat inzwischen das Zeitliche gesegnet; der „Schwarze Riese“ hat ihn zwar überlebt, aber sein Volk hat ihn abgewählt, und seine Partei hat ihn gestürzt; er lebt verlassen und geächtet als Lügner und Betrüger. Nein, nicht wegen seines „Lebenswerkes“, der Wiedervereinigung (darob hätte er es nach Dikigoros‘ Überzeugung verdient – aber dafür hat er nur ein paar faule Eier an die Birne geworfen bekommen), sondern wegen ein paar läppischer Hunderttausend in einem Köfferchen, von denen niemand so genau weiß (oder wissen will?), bei wem sie wie und warum gelandet sind. Die letzten der wenigen echten „Leihbeamten“ aus dem Westen, d.h. derer, die nicht in Wirklichkeit trojanische Pferde waren und von den fortbestehenden Stasi-Seilschaften nur zurück gelotst worden sind, haben – gemobbt und frustriert – das Handtuch geworfen und sind in den Westen zurück gekehrt; die Ossis sind also auch in der Verwaltung wieder unter sich. Sogar im Fußball: Die alte DDR-Oberliga heißt jetzt „Regionalliga Nordost“, und zumindest fußballerisch haben sie nun auch West-Berlin, die einstige Insel auf dem Territorium der DDR, geschluckt. Juristisch ist die Wiedervereinigung mit dem Gesetz zur Aufhebung des anwaltlichen Lokalisierungs-Gebots in aller Form vollendet; aber wirtschaftlich, politisch und last not least menschlich ist sie gescheitert – das beweist nichts deutlicher als der Hickhack um eben dieses Gesetz.

Ein paar Tage später – Dikigoros und seine Frau machen Weihnachtsgeschenke-Umtauschbummel in der Stadt – läuft ihnen ein anderes Ehepaar über den Weg: Zille und Ulla! „Mensch, ihr hier, und habt uns nichts davon gesagt? Jetzt kommt ihr aber mit zu uns auf Besuch, keine Widerrede!“ Es wird ein trauriger Nachmittag, und schnell wird klar, warum sich die beiden so lange nicht mehr haben sehen oder auch nur hören lassen: In dem Haus, das sie gekauft haben, war der Wurm drin, im Dachgebälk; und nach einem mißglückten Versuch, selber ein neues Dach zu bauen, mußte Zille einen zweiten Kredit aufnehmen. Überhaupt wurde die Renovierung teurer als ursprünglich geplant, und die finanzielle Lage wurde statt rosiger immer grauer. Zilles Gehalt wurde nicht nur nicht auf West-Niveau angehoben, sondern sogar gekürzt, weil das Land Sachsen sparen mußte. Fachleiter ist er auch nicht geworden – man hat ihm eine Russisch-Lehrerin vor die Nase gesetzt, die sechs Wochen Englisch im Schnellkurs gelernt hat. Die alten Seilschaften halten felsenfest; als Wessi wird er überall geschnitten. Seine Frau auch. Noch immer hat kein Kaufhaus am Ort eröffnet, und in der nächsten größeren Stadt, wo es eines gibt, will man sie nicht anstellen – Ossis first. Die Schüler tanzen ihm auf der Nase herum – sie holen nun alles nach, was ihnen die SED-Diktatur all die Jahre an „Freiheit“ vorenthalten hatte. Zu Silvester haben sie ihm die Fensterscheiben eingeworfen. „Und wißt ihr, wie sie mich jetzt nennen? Nicht mehr Barbarossa, sondern nur noch Wessi, und das sicher nicht nur, weil mein Bart inzwischen grau geworden ist.“ Inzwischen ist auch die tilgungsfreie Zeit abgelaufen; nun müssen die Kredite abgestottert werden. Ulla gibt Nachhilfestunden, für ein paar Mark, schwarz. Zille hat seinen geliebten Mercedes abgemeldet – er kann Steuer und Versicherung nicht mehr aufbringen. An ihren jährlichen England-Urlaub ist schon lange nicht mehr zu denken, zumal die DM wegen der Kosten der Wiedervereinigung so butterweich geworden ist und das britische Pfund so hart, daß sie sich das schon mit vollem West-Gehalt kaum leisten könnten.

Die Gesundheit hat sich Zille auch ruiniert, indem er zehn Jahre lang jeden Nachmittag bei Wind und Wetter auf seiner Baustelle herum geschuftet hat – und die Ossi-Ärzte haben ihn dann endgültig verpfuscht. Zilles sind ruiniert, und in einem viel schlimmeren Maße als etwa ein arbeitsloser Top-Manager oder ein Anwalt, der ein paar Fälle weniger hat – die verhungern trotzdem nicht. Aber er steht kurz davor. „Warum verkaufst du das Haus nicht und kommst zurück in den Westen? Hier werden jetzt wieder Lehrer eingestellt.“ – „Wer einmal im Schuldienst ist darf sich in keinem anderen Bundesland auf freie Stellen bewerben, nur tauschen – aber wer tauscht schon von West nach Ost? Ich müßte also jetzt auf gut Glück kündigen und mich dann bewerben, um frühestens zum nächsten Schuljahr eingestellt zu werden – und bis dahin bekäme ich bei Eigenkündigung nicht mal Arbeitslosengeld. Und so, wie die Immobilienpreise im Osten inzwischen verfallen sind, bekäme ich für das Haus nicht mal so viel heraus, daß ich den Kredit zurück zahlen könnte, ganz zu schweigen von dem, was ich an eigenem Geld und Arbeitszeit rein gesteckt habe.“ – „Und wenn du einfach Privatkonkurs machst und von vorne anfängst?“ – „Das stehe ich physisch und psychisch nicht mehr durch; ich bin ja auch nicht mehr der jüngste und völlig am Ende.“ Dikigoros schweigt. Früher, als Zille noch ein kreditwürdiger Wessi war, hat er ihm schon mal ein paar Monate mit einem zinsfreien Privatkredit unter die Arme gegriffen; aber jetzt ist er für ihn finanziell gesehen ein halber Ossi – da hört auch bei ihm die Freundschaft auf. Zille muß irgendwie seine Gedanken lesen können, denn er fragt gar nicht erst nach Geld (früher hatte er da nie Hemmungen), sondern sagt nur bitter: „Mir geht es wie den türkischen Gastarbeiter-Kindern, die in Deutschland geboren sind: Für die Ossis bin ich ein Wessi, und für die Wessis ein Ossi.“ Tja, denkt Dikigoros, nur daß es Zilles eigene freie Entscheidung war, während die türkischen Kinder niemand gefragt hat, wo sie geboren werden wollen…
* * * * *

In einem beliebten Seebad treffen sich unterdessen der neue britische Regierungschef, ein etwas unbedarfter junger Sunnyboy mit immer strahlendem Lächeln, und der neue französische Präsident, ein schon etwas angegrauter Dickbauch mit fast immer miesepetrigem Gesicht. Aber heute hat er mal Grund zur Freude, die auch ein gutes Stück Schadenfreude ist darüber, was inzwischen aus Deutschlands neuen Bundesländern geworden ist. Die beiden können nur noch lachen über die völlig grundlosen Sorgen ihrer Vorgänger bezüglich der deutschen Wiedervereinigung. Die ist noch lange nicht abbezahlt: Bisher hat sie den Wessi-Steuerzahler rund 2 Billionen (das sind 2.000 Milliarden oder zwei Millionen Millionen) DM gekostet, d.h. im statistischen Durchschnitt hat jeder Ossi bereits über 100.000.- DM geschenkt bekommen, denen keine gleichwertige Produktion gegenüber steht; und ein Ende dieser „Transferzahlungen“ ist nicht abzusehen. Lohn- und Einkommen-Steuern sind bereits kräftig erhöht worden – „Solidaritäts-Zuschlag Ost“ nennt die Regierung das. Deutschland ist in der Wohlstands-Skala der Europäischen Union binnen eines Jahrzehnts vom ersten auf den vorletzten Platz zurück gefallen; der Kurswert der D-Mark (die bald abgeschafft werden soll zugunsten eines neuen Alu-Chips, der dann „Euro“ heißen wird) gegenüber harten Währungen wie dem US-$ und dem Yen ist um fast 50% gefallen. Und auch Englands früher so schwaches Pfund hat gegenüber der deutschen Währung kräftig zugelegt. Der wirtschaftliche Niedergang, die Enttäuschung der viel zu hoch gesteckten Erwartungen belastet auch die sozialen Verhältnisse in der Ex-DDR. Rechtsradikale Türken, Schwarze, Russen und Ossis liefern einander (und der Polizei) mit unschöner Regelmäßigkeit blutige Straßenschlachten; Opfer sind meist die Gelben, „Fijis“ genannt (obwohl sie gar keine sind, sondern meistenteils Vietnamesen; aber die doofen Ossis können das nicht so genau unterscheiden), die mit ihrem Zigaretten-Schwarzhandel eigentlich noch die harmlosesten sind – aber eben auch die zahlenmäßig schwächsten. Das Land steht noch lange nicht am Rande eines Bürgerkrieges zwischen den Rassen; aber von den Medien wird das alles geflissentlich hoch gekocht, weil man die Deutschen damit so schön an den Pranger stellen kann. Kurzum: die Wiedervereinigung ist aus britischer und französischer Sicht ein voller Erfolg geworden, aus deutscher Sicht eine Katastrofe – erst jetzt haben sich die beiden Kriege, in die England soviel investiert hatte, richtig ausgezahlt. Auch für Frankreich: „Die Wiedervereinigung Deutschlands und die europäische Integration,“ sagt der dicke Franzose zu dem gar nicht so doofen Engländer (der eigentlich Schotte ist), „ist Versailles mit anderen Mitteln.“ Sie lehnen sich behaglich zurück und genießen ihren Cognac.

Dikigoros, der schon lange keine Muße mehr hatte, ein Seebad zu besuchen, liest das alles mit wachsendem Unbehagen in der Zeitung, mehr oder weniger zwischen den Zeilen versteckt und schön geredet. Aber er ist durchaus in der Lage, zwei und zwei zusammen zu zählen; außerdem liest er nicht nur die gleich geschalteten deutschen Verblödungs-Blätter, sondern auch die ausländische Presse – und irgend so ein Verräter hat da doch tatsächlich den Spruch des französischen Präsidenten über das „Versailles mit anderen Mitteln“ ausgeplaudert. Er greift zum Telefon und lädt seinen alten Kollegen Vladi für den kommenden Sonntag auf einen Bienenstich und Kakao ein – „solange wir uns das noch leisten können“. – „Das ist der Treppenwitz der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts,“ schimpft Dikigoros, „obwohl das SED-Regime den Ossis immer einzutrichtern versucht hat, daß sie DDR-Bürger wären, haben sie sich bis 1989 mehrheitlich als Deutsche gefühlt, die DDR Tätärä genannt und ihre Märker Alu-Chips, West-Schlager gehört und West-Fernsehen geguckt, vor allem die Werbung. Und wehe, wenn man ihnen nicht mindestens Jacobs Krönung geschickt hat – darunter haben sie’s nicht gemacht… Und nun, da sie auf dem Papier wieder Deutsche sind, entwickeln sie im Nachhinein eine eigene nationale Identität als DDR-Bürger, die sie, solange die DDR real existiert hat, nie gehabt haben, und kaufen nur noch Ossi-Produkte. Schuld ist dieser dicke Dummkopf aus der Pfalz…“ Vladi, der immer ein Anhänger des „Schwarzen Riesen“ gewesen ist, versucht ihn gegen Dikigoros‘ Kritik zu verteidigen: „Bismarck hat die Teilung des Deutschen Bundes in Deutschland und Österreich verschuldet, und Adenauer die Teilung Deutschlands in die BRD und die DDR. Beide gelten bis heute als große Politiker, dabei waren sie eigentlich nur große Faulpelze, die den bequemsten Weg des geringsten Widerstands gegangen sind. Aber die beiden Kanzler, die den Mut hatten, diese Fehler 1938 und 1990 zu korrigieren, unter Zeitdruck und schwierigsten außenpolitischen Bedingungen, die gelten heute als Verbrecher, bloß weil es am Ende schief gegangen ist. Dabei wollten sie doch beide sicher nur das beste…“ – „Sicher,“ sagt Dikigoros, „fragt sich nur, für wen.“ Da erzielen sie keine Übereinstimmung; aber in einem Punkt sind sie sich einig: „Nie wieder Leipziger Allerlei!“
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Nachtrag 2001. Die „Wieder“-Vereinigung mit der DDR hat inzwischen die deutschen Sozialsysteme derart ruiniert, daß den Westdeutschen die Renten, die sie alleine finanziert haben, erneut kräftig gekürzt werden. Den Ossis dagegen werden sie noch einmal kräftig erhöht, besonders die Zusatz-Renten der Stasi-Bonzen.

Für die Doping-Opfer des DDR-Sports wird gnadenhalber ein Entschädigungs-Fond aufgelegt, der mit 750.000.- DM ausgestattet ist. Bei ca. 7.500 Doping-Opfern (tatsächlich waren es wohl erheblich mehr; aber einige sind ja zum Glück schon abgekratzt, die kann man getrost vergessen) sind das immerhin rund 100.- DM pro Nase. Die werden aber nicht etwa ausgezahlt, sondern die Unterstützung wird aus den fetten Zins-Erträgen dieses Fonds gezahlt, das macht ca. 3.- DM pro Jahr und Nase (dafür gibt es inzwischen – nach der jüngsten Zollerhöhung – immerhin fast anderthalb Pfund Bananen). Da kann man doch wirklich nicht meckern. Alles Banane – oder was?
* * * * *

Nachtrag 2002. Kurz vor dem Mauerfall fühlten sich nur rund 20% der Ossis als "DDR-Bürger" (also etwa so viele, 
wie auch offiziell oder inoffiziell bei der Stasi mit arbeiteten); die restlichen 80% hätten lieber heute als morgen dem 
verhaßten SED-Regime den Rücken gekehrt, um in den Westen "rüber zu machen".
Knapp 12 Jahre nach dem Anschluß führt ein renommiertes Meinungsforschungs-Institut eine Umfrage durch. 
Ergebnis: Nur rund 20% der Ossis fühlen sich als "Bundesbürger"; die restlichen 80% fühlen sich als DDR-Bürger, 
die ihre gute alte "Tätärä" wieder haben wollen, und ihren guten Erich, der ihnen zu Weihnachten immer Bananen 
besorgte.

(Wie sangen einst die Nostalgiker, die von der Weimarer Republik ebenso enttäuscht waren wie heute die Ostalgiker von der Bonner Republik: „Wir woll’n unser’n guten Kaiser Wilhelm wieder haben…“) Wegen der DM – und nur wegen der – waren sie einst für die „Wieder“-Vereinigung, und nun haben sie den Teuro bekommen, der kaum besser ist als der Alu-Chip seligen Angedenkens…

Längst ist die SED unter dem Namen „PDS“ wieder zur stärksten politischen Partei in ihren Stammlanden geworden; sie stützt auch durch ihre Tolerierung die rot-grüne Regierung in Berlin und sorgt so dafür, daß Deutschland nicht vom rechten, pardon das war Rotkäppchen – ja, inzwischen wird wieder Rotkäppchen-Sekt produziert, so daß man sich auch nach dem verkaterten Erwachen aus dem „Wieder“-Vereinigungs-Rausch noch manch anderen schönen Rausch wird antrinken können! -, vom linken Weg abweicht, sondern schön auf sozialistischem Kurs bleibt.

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