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Der Kapitalismus mal vorgerechnet

Der Kapitalismus mal vorgerechnet

von Albert Norden (1968)

»Wenn Adenauers Predigt und Praxis der „Politik der Stärke“ und der „Befreiung der Völker Osteuropas“ [zeitweilig] zusammenbrach und ihr Urheber 1963 darüber zu Fall kam, so zeigen die folgenden Jahre, dass sie durch ihre Misserfolge noch lange keine Pazifisten geworden sind.

Der Nachfolger auf dem Bundeskanzlerstuhl, Ludwig Erhard, erklärte am 10. November 1965 namens der Regierung:
„Die Nachkriegszeit ist zu Ende!“
Das war ein ganzes Programm, dessen Kurzformel anders herum lautete: „Die neue Vorkriegszeit hat begonnen.“

In der Tat besass noch um 1950 das westdeutsche Großkapital nur unbedeutenden internationalen Einfluss.
Das sollte schnell anders werden. Die vom deutschen Volk nicht gewünschte und vom Potsdamer Abkommen der Mächte der Anti-Hitlerk-Koalition verbotene Neubildung von Trusts und Monopolen als den wirtschaftlichen Urhebern der Kriege des deutschen Imperialismus hat trotzdem stattgefunden.
Es ist eine statistisch erwiesene Tatsache, dass eine zahlenmäßig lächerlich kleine Schicht von 15 000 Personen – reicher ist als alle anderen 99,8 Prozent zusammen.

Im Auftrag der westdeutschen Regierung erarbeitete der Direktor des Bonner Instituts für Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, Professor Wilhelm Krelle, ein Gutachten, das in der für die Verhältnisse in der Bundesrepublik bezeichnenden Feststellung gipfelte, dass
„ein Siebtel (1/7) allen privaten Vermögens einem Tausendstel (1/1000) der Bundesbürger gehört und 1,7 Prozent der Bevölkerungselite über 70%t der Produktionsmittel gebieten“ [1].

Wer will angesichts solcher Fakten noch leugnen, dass die Bundesrepublik ein purer großkapitalistischer Staat ist?! Und dabei handelt es sich vor allem um jene Gesellschaftsgruppe, deren Schuld an Hitlers Verbrechen gerichtsnotorisch ist.

Ein typisches Beispiel bietet die IG-Farben-Gruppe:
die 1938 einen Umsatz von 1,65 Milliarden Mark erreichte,
1967 aber 17 Milliarden, also das zehnfache und das trotz der Tatsache, dass ihr großer Besitz in der DDR [- 1968 – 1990 etc.] zwischenzeitlich Volkseigentum wurde.
Von den 2420 Aktiengesellschaften, die es 1967 in der Bundesrepublik gab, beherrschten 85 – das sind 3,5 Prozent dieser AG – mit zusammen annähernd 30 Milliarden Mark Grundkapital faktisch 60 Prozent des Kapitals aller Gesellschaften, ein Symptom für die außerordentliche Konzentration.
Die Gesamtzahl der Kapitalgesellschaften der verschiedensten Eigentumsformen betrug 60 644 im Jahr 1967.
Auf 0,4 Prozent von ihnen (nämlich 243) entfielen 53,5 Prozent des ganzen Grund- und Anlagenkapitals (nämlich 42,4 Milliarden Mark). [2]

Wie das Kapital, so kontrollierten die Großunternehmen in zunehmendem Maß die Produktion. Die 50 größten Industrieunternehmen Westdeutschlands hatten 1958 mit 66 Milliarden einen Anteil von 32,3 Prozent des industriellen Gesamtumsatzes. 1966 betrugen die entsprechenden Zahlen 156 Milliarden und 40 Prozent. Diese wenigen Unternehmen halten alle Schlüsselpositionen der Industrie in ihren Händen.

Die Machtstellung der Konzerne erklärt sich nicht nur aus ihrer Kapitalstärke, sondern besonders auch aus ihrer Leistungsfähigkeit auf dem Gebiet der Forschung und Entwicklung. Moderne Forschung ist so aufwendig geworden, dass nur die größten Konzerne die nötigen Mittel aufzubringen vermögen. Das aber verschafft ihnen einen uneinholbaren Vorsprung auch in der Produktion, weil die Forschungsergebnisse mehr und mehr ein Monopol der Monopole werden.

Der Bayer-Konzern bestreitet nahezu 60 Prozent seines Umsatzes mit Erzeugnissen, die erstmals nach 1948 im Unternehmen hergestellt wurden. Die Hälfte der etwa 10.000 Patente dieses Konzerns stammen aus der Zeit nach 1945. Allein seit 1953 hat er 1,7 Milliarden für Forschung und Entwicklung ausgegeben, davon im Jahre 1965 215 Millionen DM.

Sieben Konzerne der elektronischen Industrie und neun der chemischen Industrie verfügen fast über ein Viertel aller 1960 an Westdeutsche erteilten Patente.

Konform mit der Konzentration der Produktion verläuft die Konzentration im Bankwesen, wobei der Verschmelzungsprozess von Industrie- und Bankkapital sich in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg fortsetzt und gerade im staatsmonopolistischen Kapitalismus von entscheidender Bedeutung ist. Nehmen wir die drei größten privaten Finanzinstitute: Deutsche Bank, Dresdener Bank, Commerzbank. 1963 übten Repräsentanten dieser drei Großbanken 1347 Aufsichtsratsfunktionen in den wichtigsten Industrie- und Handelsfirmen aus. Ein seriöser westdeutscher bürgerlicher Publizist kommt bei einer sozialkritischen Untersuchung der herrschenden Kreise der Bundesrepublik zur Feststellung, dass nur 50 Männer nicht weniger als tausend Positionen in Vorständen, Aufsichtsräten und anderen Führungsgremien auf sich vereinen. [3]

Wohlgemerkt, es handelt sich um dieselben drei Großbanken, deren Auflösung nach 1945 vom deutschen Volk wie von den Siegermächten auf der Tagesordnung gesetzt wurde, weil sie Komplicen beim Machtantritt Hitlers und seinen Annexionen waren. Heute sind sie, als ob nichts geschehen wäre, mächtiger als je zuvor. 651 Filialen besassen sie 1929 im ganzen damaligen Deutschen Reich und Ausland – heute [1968] sind es in Westdeutschland allein 1779! Und ihre Herren sehnen sich nach der Suprematie über Europa, die sie vor so kurzer Zeit noch ausübten und der sie mit ihren Kollegen von der Großindustrie abermals entgegenzugehen entschlossen sind.

In den Dienst dieses Ziels stellt der westdeutsche Kapitalismus deshalb auch die Ausweitung des Waren- und Kapitalexports. Die Bundesrepublik konnte zwischen 1950 und 1960 ihren Anteil am kapitalistischen Weltexport von 3,6 Prozent auf 10 Prozent rasch vergrößern, aber als Ergebnis des harten Konkurrenzkampfes unter den kapitalistischen Ländern bis 1967 nur noch auf 11,4 Prozent erhöhen.
Schneller entwickelte sich seit dem Ende der fünfziger Jahre der Kapitalexport, der zwischen 1960 und 1967 von 12,7 Milliarden auf fast 36 Milliarden Mark stieg, wobei man nicht vergessen darf, dass es andererseits auch beträchtliche Kapitalimporte gibt, die zu einer beachtlichen Kapitalverflechtung führen.

Es geht hier nicht um Reichtum schlechthin. Die Millionen eines Parfümfabrikanten oder das sieben- und achtstellige Einkommen eines internationalen Modekönigs mögen vom sozialen Standpunkt anfechtbar sein – friedensgefährdend sind sie nicht.

Aber wir haben es ja bei den zitierten Zahlen mit etwas anderem zu tun, nämlich mit dem Oberkommando einiger Monopole über die gesamte Wirtschaft, das um so schwerwiegender ist, weil gleichzeitig von denselben Monopolen (und keineswegs vom Volk) alle Staatsgewalt ausgeht.

Die staatlichen Potenzen führen rückwirkend zu weiterer Festigung der Macht der Monopole, die sich den Löwenanteil aller Staatsaufträge für die ins Riesenhafte gewachsenen Rüstungen bewilligen.
Gegenwärtig [1968] wird jede zweite Mark des Bonner Staatshaushaltes für die Aufrüstung und andere Expansions-vorbereitungen verschleudert.
Und ganz Bonn weiß, dass an Rüstungserzeugnissen weit mehr verdient wird als an Produktion zur Deckung des friedlichen Konsums.

Und hier sind wir wieder bei dem Geheimnis, das die Entstehung von Kriegen unserer Zeit umwittert. Da ist einmal die konzentrierte Vereinigung von monopolkapitalistischer Führung mit reaktionärer Staatsbürokratie und den Hitlerschen Leutnants, die heute [- 1968 -] als Generale die Bundeswehr befehligen. Da sind zum anderen die stark gewachsenen ökonomischen Potenzen, die den imperialistischen Drang nach Profiten, nach ausländischen Absatzmärkten und Rohstoffquellen, Kapitalanlageplätzen und Alleinherrschaft verstärken und darum zu Raub und Neuverteilung des Territoriums und Reichtums der Welt drängen.

Dem deutschen Kapitalismus wird es wieder einmal zu eng in den eigenen Grenzen. Er will seine Niederlage im zweiten Weltkrieg rächen und ist von Kopf bis Fuß auf Ausdehnung auch seiner territorialen Macht eingestellt.
Er möchte im Bündnis mit den USA an der Spitze des „europäischen Abendlandes“ gegen den Sozialismus zu Felde ziehen [- 1968 – 1989/90/91 – erfolgreich!] gemäß dem Motto Wilhelms II.: „Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter!“, wozu diese allerdings wenig Lust verspürten.

So erweist sich das Schmieden des internationalen Komplotts gegen den Frieden nicht nur immer schwerer, sondern produziert durch internationale Konkurrenz und Einsatz eines unerhört hohen Anteils der eigenen Ökonomie für die Rüstung scharfe soziale und politische Widersprüche unter den kapitalistischen Mächten und vor allem im eigenen Staat.«

Anmerkungen

1 Der Spiegel (Hamburg), 1968, Nr. 20, S. 34.

2 DWI-Berichte (Berlin), 1968, Nr. 5.

3 Max Kruk: Die oberen 30 000, Wiesbaden 1967, S. 27 – Eine in Westdeutschland genährte Kampagne stellt die Dinge so dar, als ob heute die kapitalistischen Großunternehmen eigentlich gar nicht mehr kapitalistisch seien, [siehe hier auch modifiziert analog im Jahr 2012: (A)“Soziale Marktwirtschaft“ und die “Sozialpartner“ der BDA-Hundtschen Bourgeoisie und Quandtschen BDI-Großaktionäre! – Anm. v. R. S.] da sich ja so mansche Firma im Besitz von Tausenden Aktionären befindet. Nun ist bei einigen Unternehmen wirklich ein weit verstreuter Aktienbesitz festzustellen. Aber diese Aktien liegen zum größten Teil bei den drei Großbanken und werden von ihnen verwaltet und vertreten. Nicht die kleinen Aktionäre haben in irgendeiner Großfirma etwas zu sagen, sondern das besorgt „ihr“ Bankier, und der lässt sich von höchst eigenen Interessen leiten. Die Anwesenheit eines Bankiers im Aufsichtsrat eines Industrieunternehmens erlaubt mit Sicherheit den Schluss, dass die betreffende Bank entweder direkt ein größeres Aktienpaket der Firma besitzt oder eine maßgebliche Summe ihr anvertrauter, bei ihr deponierter Aktien vertritt oder intensive Beziehungen zur betreffenden Firma unterhält. Umgekehrt ist die Delegierung des Aufsichtsrats- oder Vorstandsmitglieds eines großen Industrieunternehmens in den Aufsichtsrat einer Bank von ähnlichen Voraussetzungen abhängig. Man will den „kleinen Mann“ durch seinen Erwerb einzelner Aktien in das kapitalistische System integrieren, macht ihn aber in Wirklichkeit nur zum Opfer, da ihn die periodischen Krisen um die Gewinne betrügen, die man ihm vorgaukelt, um ihn vom Beschreiten des revolutionären Weges abzuhalten.« [- 1967 – 2012 – ]

Quelle: Albert Norden: So werden Kriege gemacht! Über Hintergründe und Technik der Aggression. Dietz Verlag Berlin 1968. Vgl.: Staatsmonopolistische Machtkonzentration führt zur neuen Vorkriegszeit.

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