//
Poststraße
DDR, Geschichte, Ostdeutschland, Verblödungsmedien, Weltweit

Namibias Ossis

Das Cassinga Massaker

Das Cassinga Massaker

440 Kinder der Swapo wurden einst in die DDR gesandt, während in ihrer Heimat Namibia der Kampf gegen die Apartheit tobte. Die Swapo hatte die ersten 100 direkt aus einem Flüchtlingslager Cassinga von der Angolanischen Grenze gesandt, das gerade von Südafrikanischen Soldaten bombardiert wurde.

Die Swapo wollte sie in der DDR ausgebilden lassen, damit sie ihrer Heimat Namibia beim Aufbau einer sozialistischen Zukunft helfen sollten. Und die DDR half, so wie sie Vietnam half und so wie sie auch Mosambique helfen wollte.

Doch dann kam die Wende und so wie die Magermans aus Mosambique mussten auch die 440 Jugendlichen aus Namibia das Land verlassen. Die neuen Westdeutschen Herren in der DDR vergeudeten keine Zeit um sich schnellstmöglich der schwarzen ungeliebten „Kommunisten-Kinder“ zu entledigen. Dabei waren sie noch nicht einmal volljährig!

Es ist die Nacht zum 26. August 1990. Seit Paul Shilongo Deutschland verlassen hat, ist es dunkel. Zum zweiten Mal in seinem Leben sitzt der 15-Jährige in einem Flugzeug. Das erste Mal war er gerade 5 geworden. Doch es ist nicht der Flug, der ihm Angst macht – es ist die Ankunft. In zwei Stunden wird der Morgen anbrechen und die Maschine SW286 Windhoek erreichen.

Einst kam er 1979 mit 440 anderen namibischen Kindern in die DDR. Ihr Auftrag »Ihr seid die Zukunft Namibias. Ihr seid die Elite der Swapo. Lernt fleissig und helft uns, um Namibia wieder aufzubauen!« Immer wieder hört er in seinem Kopf die Sätze. Paul schaut aus dem Fenster der Boeing, in die Finsternis. Seine Hände umklammern die Armlehnen.

Schwarze Ossis von Namibia

Der Darstellung in westlichen Medien widersprechen sie entschieden.

Elf Jahre lang wohnte er mit 440 anderen namibischen Kindern auf Schloss Bellin in Mecklenburg, später auch in anderen Internaten für die Älteren.

Sie waren zwischen drei und fünf Jahre alt, als sie zum ersten Mal ein Flugzeug bestiegen. Viele von ihnen krank, verlaust, mit dicken Hungerbäuchen und riesigen großen Augen. Die DDR hatte bereits Trainingsanzüge geschickt. Viel zu groß für die geschwächten Kinder. Ein rotes Halstuch hatte ihnen die Swapo zum Abschied umgebunden.

In ihrer Heimat Namibia, herrschte Krieg Südafrika hatte Namibia besetzt und trotz Aufforderung der Uno entließ sie es nicht in die Unabhängigkeit. Die Menschen rebellierten und leisteten unter der Swapo Widerstand. In westdeutschen Medien wird das „Bürgerkrieg“ genannt.

Tatsächlich ging Südafrika mit äußerster Brutalität vor. Davon zeugen zahlreiche Kriegsverbrechen.
Nur ein Monat zuvor hatte man das Flüchtlingslager in Cassinga bombardiert. Die Swapo beerdigte die Toten in Massengräber, die den Massengräbern des 2. Weltkrieges in nichts nach standen.

Natürlich haben die Kinder ihre Eltern vermisst und so manch einer weinte sich anfangs Nachts in den Schlaf. Die deutschen Erzieher bemühten sich redlich das Heimweh zu lindern. Viele der Kinder hatte noch nichtmal verstanden, das ihre Eltern tot waren, andere hatten sie in den Kriegswirren verloren und wieder andere waren so krank das ihre Eltern sie regelrecht bei der Swapo abgaben.

Einer der Jungs erzählt noch wie eine Frau ins Flüchtlingslager kam und fragte wer in die DDR will. Obwohl keines der Kinder irgendwas mit DDR anzufangen wusste, hoben alle die Hand. Und so wie sie waren, nahm man sie mit in ein Sammellager in Angolas Hauptstadt. Dort päppelte man sie soweit auf das sie die Flugreise schafften. Dann bestiegen sie ein DDR-Flugzeug der Interflug. So war das damals…

Sie erinnern sich noch an ihren ersten Schultag. Die deutschen Kinder fassten sie an um festzustellen das das Braune keine Schokolade war, sondern so richtig echte Haut. Bald sprachen sie völlig Akzentfreies Deutsch, besser als viele Türken.  Mit der Zeit nahmen sie nach und nach die hiesigen Gewohnheiten an und wuchsen als ganz normale deutsche Teenager auf, mit deutschen aber auch mit namibischen Freunden.

Jeden Morgen traten sie den Schulweg an, im dem Wissen, das sie hier für ihr Land lernen. Dies inspirierte sie, dies motivierte sie und gerne waren sie stolze Jungpioniere, Thälmannpioniere und junge FDJ-ler geworden.

Doch mit der Wende mussen diese Kinder die ihr Zuhause, ihre DDR verkassen, um zurück in ein fremdes Land zu fliegen – das sie kaum noch kannten – Namibia. Bis zum letzten Tag füllten sie ihre Poesiealben mit den Sprüchen ihrer Freunde. Tränen fliessen…Wird man sich je wiedersehen? Adressen austauschen war kaum möglich, denn die Jugendlichen hatten keine Namibische Adresse. Selbst ihren deutschen Pass nahm man ihnen wieder ab.

1990 kehrten sie also in ihre Heimat zurück, doch Namibia war nicht sozialistisch geworden, es war lediglich unabhängig geworden.

Was ist aus ihnen geworden?

Zwanzig Jahre später kniet Paul Shilongo auf dem Boden. Er wischt über die Klobrille. Mit dem Bad ist er gleich fertig, die Küche hat er noch vor sich. Einmal die Woche kommt er hierher in die Wohnung einer Musikmanagerin. Zehn namibische Dollar, umgerechnet einen Euro, bekommt er dafür in der Stunde. Wenn er noch das Auto putzt, verdient er 60 Namibia-Dollar am Tag. Davon lebt er eine Woche lang. Nicht immer reicht das Geld zum Essen. Doch mehr Jobs hat er nicht. Die fleckige Hose schlabbert um seine langen, dünnen Beine, das schmale T-Shirt ist zwei Nummern zu groß. Wenn er sich schnell bewegt, zieht ein Geruch von Schweiß durch die Luft. »Katutura« heißt die Township, in die die Weißen die Schwarzen während der Apartheit zwangsumsiedelten: das heisst auf Deutsch »Ort, an dem wir nicht leben wollen«. Mit acht Männern teilt sich Shilongo hier eine neun Quadratmeter große Hütte. Ohne Strom, ohne Wasser, ohne Toilette. Seine Habe passt in eine Plastiktüte. Eine durchgelegene Matratze ist sein wertvollster Besitz.

Manche haben es nicht geschafft, doch es gibt auch andere die sehr erfolgreich geworden sind. So wie Nixon Marcus, er ist Anwalt für Menschenrechte geworden. Zu den Kindern gehören heute auch Aufnahmeleiter beim Fernsehn, Anwälte, Politiker, Gemeindemitarbeiter der evangelischen Kirche oder Grafiker.
Zwar rutschten, wie die DDR-Kinder berichten, auch einige von ihnen ab in Drogensumpf oder Prostitution, dies sei aber trotz widriger Umstände bei der Rückkehr nach Namibia und einer schwierigen Eingewöhnungszeit nur ein ganz geringer Anteil.
Der Bruch in ihrem Leben wiegt schwer und für manche unüberwindlich, doch missen möchten sie ihre DDR-Zeit nicht. Viele von ihnen fühlen sich priviligiert eine solche Kindheit gehabt zu haben und verstehen sich als Vermittler zwischen Deutschen und Schwarzen. Ihre Familien sind ihnen oft noch immer fremd, daher ist ihre wahre Familie eher unter jenen zu finden, die mit ihnen in der DDR waren.

Wenn Paul Shilongo von seiner Kindheit erzählt, leuchten seine Augen, so wie bei fast allen der schwarzen DDR-Kinder.  Er spricht  in akzentfreiem, flüssigem Deutsch. Dann lächelt er und erzählt von Abel Shafa Shuufeni, den Betreuer in der DDR, der hat immer gesagt: »Ihr müsst in der Schule lernen. Euch anstrengen, die Besten sein!«
Geplant war das sie nach der Schule studieren sollten. Maschinenbau, Agraringenieur, Politik, Geschichte, Juristik usw. Alles was man so braucht um einen Staat aufzubauen. Aber dazu sollte es nicht mehr kommen. Die Wende veränderte alles…
Dann wird er still und nachdenklich. Natürlich ist er enttäuscht und wütend. Er hasst den Kapitalismus und die Apartheit die ihm seine Eltern nahm. Er hasst sein Leben…

Im Winter 1977 flieht Pauls Mutter mit ihrem zweijährigen Sohn nach Angola ins Flüchtlingslager Cassinga. Südafrika hält zu dieser Zeit Namibia besetzt und unterdrückt mit seiner Apartheitpolitik die schwarze Bevölkerung. Pauls Vater schließt sich dem Widerstand an, der Swapo, South-West Africa People’s Organisation, wie sich die Befreiungsbewegung nennt. Ihr Anführer ist Sam Nujoma. Pauls Vater befehligt Truppen an der angolanischen Grenze. Bis ihn eine Landmine tötet. Pauls Mutter stirbt ein paar Wochen später im Flüchtlingslager.

Lucia Engombe

Lucia Engombe

Hunderte kommen ums Leben, als am 4. Mai 1978 die südafrikanische Armee das Lager Cassinga in Angola bombardiert. Die Swapo bittet die kommunistischen Staaten um Hilfe. Die DDR sagt sofort zu, verwundete Soldaten in ostdeutschen Krankenhäusern gesund zu pflegen.

Doch Sam Nujoma fordert mehr: Weil ein zukünftiges Namibia gut ausgebildete Führer brauche, soll die DDR Kinder aus den Flüchtlingslagern aufnehmen und nach sozialistischem Vorbild zur künftigen Elite Namibias erziehen.
Also wurde in Güstrow ein Partei-Schulungszentrum geräumt und in ein Kinderheim umgestaltet. Dann kamen die namibischen Kinder, viele von ihnen Waisen, in die DDR. Und sie waren sehr viel jünger als man es hier erwartet hatte.

Nun waren sie da und statt Schule brauchten diese Kinder erstmal gesundheitliche Betreuung und Pflege. So wie Lucia Engombe. Ihre Mutter gab sie mit, weil ihr kleines Mädchen so krank war und sie um ihr Leben fürchtete. Sie hat sie sogar 2 Jahre jünger gemacht. So war Lucia in Wahrheit eines der ältesten Kinder, das als Kind Nr. 95 in die DDR kam. Sie hat ein Buch darüber geschrieben und jetzt schreibt sie ein Zweites.

Nawalla Weber-Trianus, Nixon Marcus (Mitte), Patrick Hashingola

Nawalla Weber-Trianus, Nixon Marcus (Mitte), Patrick Hashingola

Paul Shilongo und Patrick Hashingola sind zwischen vier und sieben Jahre alt, als sie in die DDR kommen. Die Kinder werden im Schloss Bellin in der Nähe von Güstrow untergebracht, einem eleganten alten Gutshaus mit mächtigen Säulen und Freitreppe zum Park. Der Salon mit seinem dunklen Holzboden und dem steinernen Kamin wird zum Spielzimmer, im ersten Stock liegen mehrere Sechsbettzimmer und ein großer Waschraum. Sie gehen in die Grundschule Zehna.

Als die Kapazität des Heimes erreicht ist, quartiert man die Ältesten von ihnen ins Gymnasium Straßburg „Schule der Freundschaft“ um, wo sie die Oberstufe besuchen und die Hochschulreife erlangen sollten, bevor sie in der DDR studieren.

Heute gehört das Gut wieder Westdeutschen, den Urenkeln des Hamburger Kaufmannes Henry Brarens Sloman, der einst mit einer Schiffswerft begann. Mit Salpeter-Handel wurde er reich. Man nannte ihn den Salpeter-Baron von Hamburg. Als der Salpeterhandel stockte, spezialisierte er sich auf Auswanderer. Zig Tausende Auswanderer wurden auf engstem Raum von Hamburg nach Nord- und Südamerika transportiert.

Jagdschloss Bellin

Jagdschloss Bellin

Das Schloss Bellin erwarb er um 1910 und lies es für exklusive Jagdgesellschaften ausbauen. Die Ruinen der Salpeteranlagen in der Atacama-Wüste von Peru, an denen Indios unter schwersten Bedingungen gearbeitet haben, erinnern heute noch an ihm. Kurz darauf gründete er die Finanzbank, heute ein Teil der Dresdner Bank. Sein Sohn Enrique Juan Sloman folgte dem verstorbenen Vater  1934 als Vorsitzender der hauseigenen Finanzbank und Alleinbesitzer der zwei Güter, Rittergut Steinbeck und Jagdschloss Bellin in Mecklenburg. Er sympathisierte mit Hitler und setzte ZwangsarbeiterInnen auf seinen Gütern ein, auch im Schloss Bellin.
Bewusst baute die DDR das Schloss erst zur Parteischule, später dann zum Kinderheim um.


2001 eröffnete Angelika Sloman dort ein Luxushotel. Nebenbei gehört ihnen noch die
Sloman-Neptun Schiffahrts-AG, die Flüssiggas-Tankschiffe baut und betreibt.

Heute sind Kinder dort schon längst nicht mehr willkommen, schon gar nicht „arme Kinder“ von Arbeitern und Bauern, egal ob schwarz oder weiss. Den Ossis geht es nicht anders als Paul, auch die weißen Ossis putzen da nur das Klo – zum ostüblichen Hungerlohn.
Das Jagdschloss Bellin ist heute ein vornehmes Hotel, das für sich als »Refugium der Stille und Erholung« wirbt, Hochzeitsfeiern und Konferenzen ausrichtet und sich wärmstens als Filmkulisse empfiehlt.

Nur einmal war Paul wieder „zuhause“. Vor 10 Jahren hat er als Betreuer für den Stand der namibischen Expo gearbeitet. Von Hannover aus fuhr er nach Bellin.
Paul Shilongo weinte, als er wieder am Ort seiner Kindheit war. »Alles sah noch aus wie damals«, sagt er, »das Schloss, die Wege. Genauso, wie wir es verlassen hatten.«
Das widerspricht der Darstellung Westdeutscher sie hätten hier „was aufgebaut“, und noch viel lieber vergessen sie, was sie alles zerstört haben, z.B. Tausende von Kinderferienlager.

Das Leben in Mecklenburg war für den kleinen Paul anfangs voller Rätsel. Er nascht die Zahnpasta, weil sie so lecker schmeckt, beißt in den Schnee, den er für Zucker hält, versucht, den linken Schuh auf dem rechten Fuß anzuziehen. Schuhe hatte er vorher nie getragen. Wenn Paul Shilongo von der DDR spricht, dann redet er über ein friedliches Land, das nach Knusperflocken schmeckt und nach Tannennadeln duftet. Der Ort, an dem er glücklich war.

1982 schreibt das Ministerium für Volksbildung im Bericht zur Lage des Kinderheimes Bellin 1980–1982: »Die Kinder lernen einfache körperliche Maßnahmen kennen und mit Hilfe der Erzieherinnen auszuführen (…).«
Nunja, die Jüngsten sind 1980 gerademal 5 geworden. Da ist höhere Bildung nun wirklich noch nicht angebracht.

In der Schule lernen die Kinder nach dem üblichen Lehrplan der DDR und spornen sich zu Höchstleistungen an; jeder will der Beste sein, jeder Einsen schreiben. Paul Shilongo und Patrick Hashingola rechnen aus, wie viel Kohle ein Kraftwerk benötigt, um Wärme für eine Großstadt zu erzeugen.
»Die Schüler stellen viele Fragen zur gesellschaftlichen Entwicklung der DDR (Wart ihr schon immer frei? Waren bei euch auch Faschisten?). «
Bei den Deutschen Kindern sind die Afrikaner Exoten. Ihre Vorstellung über Namibia erschöpft sich auf Bananen und Sonne.

In einem Bericht über den Unterricht wird notiert: »Großes Interesse bezeugen sie für das Leben und den Kampf Ernst Thälmanns«.
Na ob das wirklich so war, darf ruhig bezweifelt werden, denn selbstverständlich gehörte das Leben Thälmanns zum Grundwissen von Thälmann-Pionieren das gewöhnlich zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus ging, ohne bleibende Erinnerung zu hinterlassen. Das Phänomen kennen Ossis nur all zu gut.

Sam Nujoma mit einem Überlebenden Kind aus Cassinga

Sam Nujoma mit einem Überlebenden Kind aus Cassinga

1983 besucht Sam Nujoma, Vorsitzender der Swapo die DDR und trifft sich mit der Abteilung Volksbildung des ZK der SED. Diese notiert anschliessend in nüchternem SED-Deutsch »Nach Meinung von Genosse Nujoma kommt es darauf an, diesen Kindern nicht nur eine gute fachliche, sondern vor allem auch eine gute politisch-ideologische Bildung zu vermitteln, damit sie auf Führungsfunktionen in Namibia gut vorbereitet werden«.

Paul Shilongo erinnert sich an den Besuch von »Vater Nujoma«, wie er ihn nennt. Mit einem Pionier-Fahnenappell empfangen sie ihn. Er hält eine Ansprache und ermahnt sie fleissig zu lernen. Dann berichtet von dem schwerem Kampf gegen die Apartheit. »Wenn euer Land euch braucht, müsst ihr kämpfen! Viva Swapo!«, ruft er den Kindern zu, »Viva Sam Nujoma!«, antworten sie und recken die kleinen Fäuste gen Himmel.

Zusammen feiern sie Geburtstage, Weihnachten und Silvester, singen, tanzen und abends schauen sie gemeinsam Fernsehn im Gemeinschaftsraum.

Gelegentlich kommen Swapo-Soldaten sie besuchen. Wenn sie von der Rückkehr in die Heimat sprechen, hört Paul kaum noch hin. Mit jedem Jahr verblassen seine Erinnerungen an Namibia. In Gedanken stellt er sich ein exotisches Land mit Palmen und Strand vor, ein Land, in dem Bananen auf den Bäumen wachsen und jeden Tag die Sonne scheint. Ein Land, unsagbar weit weg.
Typisch deutsch würde man heute sagen…
Tatsächlich hatten ihnen die namibischen Betreuer von einem Land erzählt, das grün wäre. Von Dschungel und Buschhütten. Um so größer war die Enttäuschung als sie das trockene Namibia zum ersten mal vom Flugzeug aus sahen. Nun ja als sie an kamen herrschte gerade Trockenheit. Welch ein Kontrast.

Internat Strassfurt Juni 89

Internat Strassfurt Juni 89

In den Ferien fahren sie ins Zeltlager an der Ostsee. Die DDR bezahlte auch dies. Nachtausflüge waren neben dem Neptunfest eines der Highlights. Dann pirschten Paul und Patrick mit den anderen durch die Wälder Güstrows, mit Kompass und Karte auf Schnitzeljagd.
Auch der Fackelausflug und das Lampionfest gehörten zum festen Bestandteil des Lagerlebens. Im Neptunfest wurden sie unter dem Gelächter der Anwesenden von Neptuns Häschern gejagt, ergriffen, mit Senf und Paprika und allerlei anderen scharfen Gewürzen gefüttert, bis sie schliesslich ins Wasser geworfen wurden und von Neptun gnädigerweise auf Namen wie „scharfes Seepferdchen“ getauft wurden.

Monica Nambelela, Klassenfoto in der DDR

Monica Nambelela auf einem Klassenfoto in der DDR

Die Älteren, die später in einem Internat in Staßfurt leben, helfen vier Stunden in der Woche in volkseigenen Betrieben. ESP, „Einführung in die Sozialistische Produktionsarbeit“ heißt das Fach, das alle DDR-Kinder ab der 8. Klasse haben.

Für die FDJ-ler gab es gelegentlich GST Übungen – Manöver genannt. Ein riesen Spass für alle. Dann marschierten sie mit selbstgebastelten Holzgewehren und GST-Uniform durch den Wald, absolvierten verschiedene sportliche Aktivitäten wie Weitwurf oder Hindernisbahn. Manchmal versuchten sie eine gegnerische Gruppe gefangen zu nehmen. Das sollte sie auch auf den Krieg vorbereiten, der in ihrem Lande herrschte. Heute sind sie froh nicht in den Krieg zu müssen, doch nun kämpfen sie mit Worten.

»Am Wochenende sind wir oft zu Sportwettkämpfen z.B. der Spartakiade gefahren oder haben bei Erntearbeiten auf dem Feld geholfen«, erzählt Paul Shilongo. In der DDR war es absolut üblich das Kinder auf dem Lande auch Einsätze bei der Ernte machten.
Und Nachts schlichen sie sich manchmal durch den Zaun des Internats und gingen heimlich in Staßfurt in die Disco. Das war den Minderjährigen natürlich verboten und so machten sich die Erzieher nachts auf den Weg die Ausgebüchsten wieder einzusammeln. Nein, Rassismus haben sie da allerdings nicht kennen gelernt.

Als das Flugzeug am Morgen des 26. August 1990 landet, hat sich neben dem Rollfeld eine Menschenmenge versammelt. Swapo-Führer, Eltern und Journalisten sind gekommen, um die Jugendlichen aus Deutschland zu begrüßen. Mädchen in grünen Röcken, blau-weißen Blusen und mit roten Halstüchern führen traditionelle Tänze auf. Das Geräusch von Buschtrommeln dröhnt über den Flugplatz. Auch an Begrüßungsgeld für die GDR kids, wie die namibischen Zeitungen sie nennen, hat man gedacht: 50 Namibia-Dollar für jeden. Sam Nujoma heißt die »Kinder des Freiheitskampfes« in ihrer Heimat willkommen und spricht vom Stolz auf die Rückkehrer.

Damals, 1990, holte ihn niemand am Flughafen ab. Elf Jahre lang hatte Paul Shilongo nichts von seiner Familie gehört, seine Mutter war als Kind zum Ziegenhüten geschickt worden statt in die Schule- Briefe schreiben konnte sie ihm nicht.

Ankunft der Schwarzen Ossis in Namibia

Ankunft der Schwarzen Ossis in Namibia

»Für mich waren wir auf Schloss Bellin so etwas wie eine Familie«, sagt er. In Windhoek angekommen brachte man ihn und die anderen in eine Art Auffanglager, ein Heim für die »DDR-Kinder«.
50 NamibiaDollar gab man ihnen als Startgeld. Ein Aufruf in der Zeitung forderte die Verwandten auf sich zu melden und so manch einer kam wegen der 50 Dollar und behauptete der Onkel oder Bruder zu sein.
Nach und nach meldeten sich einige Eltern, viele kamen aus dem Ovamboland im Norden Namibias, wo die Menschen traditionell von Rinder- und Ziegenzucht leben und in Holzhütten wohnen. Über 200 Kinder verschwanden in diesen Tagen mit ihren angeblichen Verwandten ins Ovamboland. Ob sie wirklich Verwandte waren, geprüft wurde das nicht. Ob sie Ziegen hüten oder Mais stampfen, niemand weiß, was aus ihnen geworden ist. Einer sei ein großer Gangster geworden, hört man.  Die Swapo war mit den vielen Tausenden Rückkehrern völlig überfordert und froh die Kinder los zu werden. Einige kamen zu Pflegeeltern.

Irgendwann kam auch eine kleine, dürre Frau, die ihren Sohn suchte. Sie nannte ihren Namen, Theresia Hashingola, Patricks Mutter. Sie stand vor ihm in ihrer bunten Ovambotracht, die ihm genauso fremd erschien wie die Frau, die sie trug, und wie das Land, das seine Heimat sein sollte.

Anfangs können sich Mutter und Sohn kaum verständigen. Seine Mutter spricht kein Deutsch, auch kein Englisch, und Patrick versteht kaum Oshivambo, die Sprache seines Stammes. Nur an ein paar Brocken, die ihm die namibischen Erzieher in der DDR beigebracht haben, erinnert er sich noch. Seine Mutter lässt ihn bei Verwandten in Windhoek, er soll die Schule beenden.

Sein alter Schulkamerad Patrick Hashingola wohnt heute in einem besseren Viertel Windhoeks, wo die Häuser Swimmingpools haben, die Zäune zwei Meter hoch sind und die Hälfte der Nachbarn weiß. Ein Viertel wie das, in dem Paul Shilongo putzt.

Selma Kamati und ihr Familie

Selma Kamati und ihr Familie, Nördliches Namibia

Auch Lucia Engombe wurde von ihrer Mutter abgeholt. Sie fuhren in das Dorf ihrer Mutter, wo sie die ganze Familie neugierig erwartete. Und dann lachten sie. Nicht nur ein bisschen, nein tagelang über die komischen Gewohnheiten der Tochter. Sie kringelten sich förmlich vor Lachen auf dem Boden.

Lucia war das alles mehr als peinlich. Sie fühlte sich wie in einem anderen Film. Preussische Tugenden wie Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit waren hier vollkommen unbekannt. Das Leben einer Schwarzen in Namibia war ihr fremd. Auch Selma Kamati hat diese Erfahrungen machen müssen. Ein Lehrerehepaar nahm sich der jungen Schülerin an und gab ihr die Möglichkeit nach Deutschland zurückzukehren. Doch auch das war nicht mehr ihre DDR.

Paul Shilongo hatte keine Eltern mehr, die nach ihm hätten suchen können. Eine deutschstämmige Familie nahm ihn als Pflegekind auf. Seine Pflegemutter hatte in der deutschsprachigen Allgemeinen Zeitung gelesen, dass viele Kinder keine Eltern mehr hatten und Familien gesucht wurden, die sie in der Ausbildung unterstützten. Die Seidels hatten genug Geld, sie besitzen ja mehrere Farmen.

»Irgendwie waren sie ja deutsch, da wollten wir helfen«, doch schaut man hinter der Fassade erfährt man, das sich die Seidels Sorgen machten, das ihnen die Schwarze Regierung ihre Farmen wegnehmen würden. Daher nahmen sie einen „schwarzen Deutschen“ auf.

Am Anfang, als sie Paul als Pflegekind zugeteilt bekam, sei alles gut gelaufen, erzählt sie, während sie Gebäck und Tee reicht. Paul lebte im Heim der deutschen Schule, ihr Mann und sie bezahlten das Schulgeld, die Ferien verbrachte er bei ihnen.

Nach dem Schulabschluss besorgten die Seidels Paul Shilongo eine Ausbildungsstelle bei einer Bank. Alles schien in Ordnung. Richtig stolz sei sie gewesen auf „ihren schwarzen Deutschen“, doch klingt es, als rede sie von einem Projekt. Sie habe Hoffnung in den Jungen gesetzt, kurz nach der Unabhängigkeit. Ein schwarzes Pflegekind als Pfand, ein Beweis für Toleranz und er sei doch irgendwie einer von ihnen. Ein Deutscher.

Doch Seidels Projekt ging schief. Paul ist 17 Jahre alt, als er anfängt zu trinken. Immer häufiger kommt er nicht zur Arbeit, weil er betrunken in einer der zahllosen Shebeens, der Blechhüttenkneipen der Township, herumhängt. Irgendwann ist er verschwunden. »Mein Mann hat ihn dann gefunden, verlaust und verdreckt wie ein Tier.«
Seidels Vorzeigeschwarzer war keiner mehr. »Schließlich musste ich mir dann doch eingestehen, dass er kein Deutscher ist, sondern nur ein Schwarzer, der deutsch spricht«, sagt sie, »die Sprache hatte mir etwas vorgemacht.«

Warum Paul Shilongo trank, hat sie nie verstanden. Paul wollte nicht mehr darüber nachzudenken, das ihn viele Schwarze als Deutschen und die Weißen ihn als Kaffer, als Neger, beschimpften. Schon in der Schule rebellierte er dagegen.
In der Bank, in der er seine Ausbildung machte, war alles noch viel schlimmer. Da redeten seine weißen Kollegen oft über ihre Hausangestellten die sie Kaffer nannten. Das sie mal wieder nicht richtig den Pool gesäubert hatten. Manchmal, wenn sie etwas von ihm wollten, riefen sie: »Hey, Kaffer, mach du das!«

Schloss er sich seinen schwarzen Kollegen zum Mittagessen an, hielten sie Abstand zu ihm, denn Paul spricht nur gebrochen Oshivambo. In den elf DDR-Jahren hat Shilongo seine Muttersprache völlig verlernt, sein Deutsch dagegen ist akzentfrei.
»Geh zu den Weißen, du bist Deutscher«, sagten seine schwarzen Kollegen. Und so wünschte er sich jeden Tag in die heile, abgeschiedene Welt des Schlosses Bellin zurück.

Mit dem Menschen Paul Shilongo wollen die Seidels heute nichts mehr zu tun haben. Nichtmal ein Bild von ihm hängt an der Wand, wo all ihre eigenen Kinder hängen.
Früher habe Paul noch oft vor ihrer Tür gestanden, habe gebettelt, um Essen, um Geld, um Anerkennung. Manchmal haben sie ihn reingelassen. Kürzlich sind sie umgezogen, ein zwei Meter hohes Tor, Stromdrähte und eine Gegensprechanlage halten ungebetene Gäste fern.
»Ich würde Paul heute kein Geld mehr geben«, sagt sie. Zu tief sitze ihre Enttäuschung. Darüber, dass ihr Projekt „Paul Shilongo“ nicht so funktionierte, wie sie es sich gewünscht hat.

Man kann nicht behaupten das die Seidels geizig seien. Für das Versetzen eines Reiterdenkmals das an die Kolonialkriege der Deutschen gegen die Hereros erinnerte, spendeten sie gleich tausende von Dollars. Mehr als 60.000 Hereros schlachtete die deutsche Schutztruppe damals ab oder ließ sie in Konzentrationslagern verhungern. »Die deutsche Gemeinschaft hier hält zusammen, das war schon immer so.«

Vor kurzem traf sie einen anderen jungen Mann in Pauls Alter, der damals auch von einer weißen Familie adoptiert worden sei und nun als Touristenführer arbeite. »Ich war ein wenig neidisch, als ich gesehen habe, wie gut er sich entwickelt hat. Wenn man mit ihm spricht, dann kommt er einem fast vor wie ein richtiger Mensch.«
22.000 Deutschnamibiern gibt es, das ist ein Prozent der namibischen Bevölkerung. Eine kleine Gruppe, die immer noch die Wirtschaft des Landes fest in ihren Händen hält – 95 Jahre nach dem Ende der Kolonialzeit. Von den 4.000 Farmen in Namibia gehören fast dreiviertel Weißen.

Deutsche Schule Windhoek

Deutsche Schule Windhoek

Viele der DDR Kinder kamen durch Pflegeeltern an die Deutsche Schule in Windhoek, wo sie gemeinsam mit weißen Namibia-Deutschen unterrichtet wurden.
Das war bisher nie der Fall gewesen und diese weißen Kinder kannten Schwarze nur als Poolboy, Farmarbeiter oder Dienerschaft. Entsprechend rassistisch waren ihre Ansichten über die Intelligenz von Schwarzen.
1990 bekamen sie also  Klassenkameraden: die schwarzen DDR-Kinder.
An den neuen Klassenkameraden war einiges anders.

Eine Deutschlehrerin bekam den Auftrag die DDR-Kinder in Deutsch zu prüfen. Sie fragte nach „Tun-Wörter“ und „Zeit-Wörter“ und versuchte 20 min lang den Kindern durch Hampeln vorzumachen, was sie damit meinte. Doch damit konnten die Kinder nichts anfangen. Schliesslich kam Einem die Erleuchtung und er fragte die Lehrerin in bestem Deutsch ob sie vielleicht „Verben“ meinte?
Damit hatte sich die Prüfung schnell erledigt.

Tatsächlich sprachen die DDR-Kinder oft besseres Deutsch als die Lehrer und sehr viel besser als die weißen Deutsch-Namibier, die Afrikaans, eine deutsch-afrikanische Kreolsprache nutzen. Und dann waren da plötzlich diese Schwarzen die astreines Schuldeutsch sprachen. Schule und Schüler entstammen einem rassistischem System, dementsprechend handelten sie auch.

In Theateraufführungen gaben sie den Schwarzen Kindern schlechte Rollen, oder nahmen sie im Unterricht nicht dran, obwohl sie sich meldeten. Das führte mehrfach zu Rebellionen der DDR-Kinder. Ihre Erziehung in Gleichberechtigung knallte direkt auf ein noch rassistisches Schulsystem in dem Lehrer den längeren Arm haben. Statt sich unterwürfig zu geben nahmen diese Kids überhaupt keine Rücksicht auf die Privilegien der Weißen. Und so eckten sie permanent in der Schule an.

Wenn eines der DDR-Kinder vom Lehrer einen Tadel erhielt und den Klassenraum verlassen sollte, gingen alle geschlossen raus. Statt Egoismus und Individualität verhielten sie sich kameradschaftlich wie in einer großen Familie.

Patrick Hashingola merkte schnell, dass die Deutschen in Namibia anders sind als die Deutschen in der DDR. »Ich hab erst in Namibia gelernt, was Rassismus bedeutet«, sagt Patrick Hashingola.
Lehrer, die einen nie drannehmen, obwohl man sich meldet. Mitschüler, die die Duschen nicht betreten wollen, weil vorher ein »Kaffer« drin war. Manchmal sieht er sie noch, die Jungs von damals.

Das Einzige, was die Namibia-Deutschen mit den Schwarzen aus der DDR verband, war die Sprache. Aber selbst die war nicht dieselbe.

Das Deutsch der weißen Namibier hatte sich mit Afrikaans, der Sprache der südafrikanischen Besatzer, vermischt. Sie sagen »Ich bin auf Pad«, wenn sie sich auf einem Weg oder einer Straße befinden, reden von »braaien«, wenn sie grillen meinen, oder sagen »Ich krieg kalt«. Die deutsche Sprache in Namibia klingt roh.

Die Sprache der DDR-Kinder dagegen ist dagegen fast poetisch. Sätze wie »Was ich darüber hinaus noch erwähnen muss« sind für sie normaler Sprachgebrauch, genauso wie die Wörter »Solidarität«,  »Subotnik«, »raboti«, »Pionier«, »Moped« und »Genosse«, das überforderte selbst die Lehrer.
Dass das Deutsch der schwarzen Ossis grammatikalisch sehr viel besser ist als das der weißen Namibier, nahmen ihnen die Namibia-Deutschen besonders übel. »Ein Schwarzer, der besser Deutsch spricht als wir«, sagt ein ehemaliger Klassenkamerad, »das ging für uns gar nicht.«

Patrick Hashingola ist auf dem Weg zur Pelican Bar. Abel Shafa Shuufeni ist in der Stadt und hat ihn angerufen. Shuufeni war Swapo-Beauftragter, verantwortlich für alle namibischen Kinder in der DDR. Er war es, der die Appelle und die Märsche mit ihnen geübt hat. Der 55-Jährige ist der Swapo treu geblieben. Shuufeni arbeitet heute für das Tourismusministerium, verwaltet eine Lodge für die Regierung.

Nawalla Weber-Trianus

Nawalla Weber-Trianus mit ihren ersten Schülern

Und Abel Shafa Shuufeni spricht gern über seine Schützlinge. Über Nixon Marcus zum Beispiel, der Anwalt ist und eine eigene Kanzlei in Windhoek hat. Naita Hishoono die beim Namibischen Institut für Demokratie (NID) arbeitet. Über Monika Mangolele die politisch aktiv ist und für mehr Gerechtigkeit kämpft. Rachel, die bei der Friedrich Ebert Stiftung als Projektmanagerin angestellt ist. Über Nawalla Weber-Trianus die in der Waldorfschule Namibia Kinder unterrichtet. Sie war die Beste von insgesamt 300 Absolventen des staatlichen geprüften Lehrerjahrgangs 2010 in Namibia. Oder Oshosheni Hiveluah die bei internationalen Filmproduktionen in Windhoek arbeitet, Lucia die erfolgreiche Hörfunkjournalistin und Autorin geworden ist, Mattheus, die „rechte Hand“ bei Namibian Bookmarketing ist und Andreas, heute selbständiger Sportjournalist.  Uno Katjipuka ist Anwältin geworden und setzt sich für die Rechte der Arbeiter ein, Albertina, arbeitet in der Geschäftsleitung einer Tierpräparations-Firma. Tuka hat eine Lehrerin geheiratet, Karriere gemacht und arbeitet als Bankangestellter in der Hauptstadt Windhoek.

Uno Katjipuka

Uno Katjipuka verteidigt als Anwältin 170 Arbeiter die wegen Streiks entlassen wurden.

Seine schwarze Frau meint, er wäre eher ein Ossi als ein Schwarzer. Matheus Nangolo hatte die Gesellschaft Südwestafrikas nichts mehr geboten. Er lernte eine Deutsche kennen und lieben und kam mit ihr zurück. Heute lebt er in Berlin und hat Steffi geheiratet, zwei bunte Kinder bereichern das Familienglück.

Oh ja es gibt einige Erfolgsgeschichten, die zugern von der Deutschen Presse verschwiegen werden.
Um so mehr findet sie jene die es nicht geschafft haben.

Shuufeni spricht nicht gern über Mecki, die als Prostituierte in der Gaststätte »Zum Wirtshaus« arbeitet, wo weiße Farmer gern mal einen Zwischenstopp einlegen. Er spricht auch nicht über Elias, der im Stadtpark rumhängt und den ganzen Tag nur säuft und kifft. Nicht über Cliffy, der an Depressionen leidet und bis vor wenigen Wochen noch in einer psychiatrischen Klinik war. Nicht über Rebecca, die in der Township lebt, nicht über Tukki, der im Knast starb weil er an der Christuskirche bettelte, und nicht über Philip, der erst vor Kurzem aus England wiedergekommen ist, wo er sieben Jahre lang illegal lebte. Und er spricht auch nicht über Paul Shilongo.
Doch irgendwo in seinem Herzen sind auch diese noch seine Kinder.

Zwischendurch nutzen Afrikaner die Berühmtheit der schwarzen DDR-Kinder um Touristen um Spenden anzubetteln. »Dabei können sie nichtmal deutsch, geschweige, denn das sie in der DDR waren.« sagt Nixon Marcus. Jene Namibier, die in Kinderjahren tatsächlich in der DDR gelebt haben, distanzieren sich von diesen angeblichen DDR-Brüdern und -Schwestern: „Das ist eine große Lüge, um Touristen Geld abzunehmen“.

Nixon Marcus

Nixon Marcus, ein Anwalt für Gerechtigkeit

Es ist den schwarzen Ossis wichtig der Welt zu sagen, das die Darstellung der Westlichen Medien sehr oft völlig falsch war. Sie wurden benutzt um die DDR schlecht zu reden. Dabei war es ihre glücklichste Zeit.

Und ja in gewisser Weise haben viele ihren Auftrag zu neuen Führern einer schwarzen sozial engagierten Schicht heranzureifen, doch noch erfüllt. Nur aus dem Land Namibia ist keine gerechte Gesellschaft geworden. Noch immer kämpfen dort Schwarze gegen rassistische Vorurteile.

Und wer weiss, vielleicht wird Nixon Marcus ja auch noch Präsident, schliesslich hat es die ehemalige DDR-Studentin Michelle Bachelet es auch geschafft in Chile Präsidentin zu werden und das nun schon in der zweiten Amtsperiode. Michelle Bachelet, die ihren Vater beim Pinochet-Putsch 1973 gegen Salvadore Allende verlor, flüchtete damals mit ihrer Mutter in die DDR und studierte bis 1979 an der Humbolt-Uni Berlin Medizin. Ihr Wissen setzte sie für unterversorgte Menschen und politisch für Änderungen im Gesundheitswesen Chiles ein. 2006-2010 war sie Präsidenten und trat 2014 erneut an. Derzeit regiert sie Chile mit der sozialistischen Partei, der Partei Salvador Allendes.

Monica Nambelela in Windhoek

Monica Nambelela in Windhoek

»Wir, die Swapo, sind stolz auf euch«, sagt Shuufeni, doch er weiss, die Swapo war damals mit den DDR-Kindern überfordert.

Die Swapo gewann zwar die ersten Wahlen, baute aber kein sozialistisches Land auf und statt die Kinder weiter auszubilden, wurden sie den Verwandten oder Pflegeeltern gegeben, die wenig Interesse an Politik für ein besseres Namibia hatten.

Im noch immer kapitalistischen Namibia nutzte es den DDR-Kindern nichts, dass sie wussten, wie ein sozialistischer Staat funktionierte. Der Krieg war vorbei und die DDR-Kinder die noch nichtmal die Schule ganz beendet hatten, wurden im neuen Namibia nicht gebraucht. Inzwischen haben viele von ihnen gelernt mit Worten für eine bessere Welt zu kämpfen.

Sein Erfolg, sagt Patrick Hashingola, habe nichts mit der Swapo zu tun. Seinen gut bezahlten Job verdanke er seiner Ausbildung in Westdeutschland. Nach seinem Schulabschluss in Windhoek bekam Hashingola ein Stipendium und machte eine Lehre als Industriekaufmann in Trossingen im Schwarzwald. Zum ersten Mal sah er den Westen Deutschlands und arbeitete in der freien Marktwirtschaft. Seine Arbeit bei der Matthias Hohner AG habe ihm Spaß gemacht, mit seinen Kollegen habe er sich gut verstanden, sagt er. Schnell habe er den schwäbischen Dialekt beherrscht. Das wirtschaftliche System und die schwäbische Geschäftigkeit. All das half ihm und im Gegensatz zu Paul konnte er so in Deutschland dem Rassismus seiner Heimat aus dem Wege gehen.
Heute ist er ein angesehener Manager bei einer deutsch-namibischen Brauerei.

Es war Hannelore Hopf, die Patrick Hashingola die Lehrstelle in Trossingen, Windhoeks Partnerstadt, verschaffte. Sieben Jahre lang betreute die Sozialpädagogin die DDR-Kinder in Namibia, sprach bei Problemen mit den Lehrern, besorgte Ausbildungsstellen in Deutschland für diejenigen, die in Windhoek keine fanden.
Hannelore Hopf weiß, dass viele ihrer Ossis in Namibia keine neue Heimat gefunden haben. »Sie haben den Bruch nicht verkraftet, gerade den Waisenkindern fehlte der Halt«, sagt sie.  »Manchmal hatte ich den Eindruck, dass vor allem die Jüngeren, die in der Pubertät waren, nun in einer Welt zurechtfinden sollten, in der es das Land ihrer Zukunft, ein sozialistisches Namibia, nie geben würde.«
Sie weiß nicht mehr, wie oft sie ganz schnell eine Unterkunft für ein Mädchen finden musste, das zu Hause rausgeschmissen worden war, oder wie oft sie die Kaution für einen der Jungs bezahlt hat, der mal wieder rebelliert hatte. Es sind vor allen Dingen die Älteren die es geschafft haben.
Doch so richtig möchte man ihr diese Darstellung nicht abnehmen. Im Interview klingt sie nicht besonders liebevoll. Ihre Sorge um die DDR-Kinder entspricht eher einer kapitalistischen Weltsicht, wobei sie sich und ihre Arbeit in den Vordergrund stellt. Verständnis für die DDR-Erziehung hat sie keine.

Paul Shilongo war 15 Jahre alt, als er nach Namibia zurückkehrte, Patrick Hashingola war 18. Der eine mitten in der Pubertät, auf der Suche nach der eigenen Identität.
Paul Shilongo hat nichts zuende gebracht, eine Ausbildung als Bankkaufmann, eine Lehre als Touristenführer, einen Job im Callcenter.
Er bewundert Patrick, mit dem er früher im Schlosspark Fußball spielte. Und er beneidet ihn: »Patrick hat eine Familie, die ihn unterstützte, er konnte eine Ausbildung in Deutschland machen. Ich sollte heute eigentlich Banker sein. Aber ich habe irgendwie den Halt verloren.«

Würde man Patrick Hashingola und Paul Shilongo zusammen auf der Straße treffen, sähe es so aus, als sei ein Geschäftsmann mit einem seiner Arbeiter unterwegs. Zwei Männer, die in Namibia geboren wurden und auf Deutsch denken. Die gemeinsam in der DDR aufgewachsen sind, die gleichen Erinnerungen haben, dasselbe Schicksal teilen. Einer ist heute erfolgreicher Manager, der andere ein Tagelöhner. Das ist Kapitalismus.

Zwanzig Jahre nach seiner Rückkehr ist Patrick Hashingola selbst zu einem Kapitalisten geworden. Er hält sich für einen Weltbürger und meint „angekommen“ zu sein.
Seine Entwicklung erinnert stark an jene Ossis die meinen „angekommen“ zu sein. Ihn verbindet nichts mehr mit seinem ehemaligem Freund. Nun ja, mit der Zeit wird er klüger werden. So wie viele Ossis nach und nach klüger werden und dieses System als das sehen was es ist, Ausbeutung der Bevölkerung zu gunsten einer kleinen Elite die alles beherrscht.

Für Paul Shilongo wie für fast alle der Schwarzen Ossis wird die DDR immer das Land sein, in das sie sich bis heute zurück wünschen. Das Land der Knusperflocken und Tannennadeln. Und wenn Patrick Hashingola so ganz tief in sich hinein lauscht, weiss auch er seine glückliche Kindheit in der DDR zu schätzen.

Viele der schwarzen Ossis haben einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn. Auch Monika Mangolele nimmt das so nicht hin. Mit Wehmut aber auch mit Stolz erinnert sie sich an ihre Zeit in der DDR. An den tiefen Frieden der ihr so ans Herz gewachsen war. All das erzählt sie es ihrer 5 jährigen Tochter Schakira, während sie ihr das 25 Jahre alte Poesiealbum zeigt und die Sprüche darin übersetzt. Sie erzählt ihr von den freundlichen Menschen, warum sie in ihr Buch schrieben und über das wunderschöne Land, von den vielen Schnee im Winter, die Ostsee und riesigen Kornfelder. Sie erzählt wie sie schwimmen und wie sie Ski fahren lernte, von richtigen Schwimmbädern, von Radtouren, von der wunderschönen Schule, von Bibliotheken, Museen und Musik. Anfangs hat sie die DDR vermisst, doch inzwischen ist es für sie OK. Sie hat sich verliebt, geheiratet und einen guten Job als Fremdsprachenübersetzerin.

Und trotzdem kämpft sie weiter für ihr Land. Nun an der Seite der Partei RDP (Rally for Democracy and Progress, Bewegung für Demokratie und Fortschritt) die 2007 gegründet wurde und die Gesellschaft Namibias gerechter gestalten will. Eines Tages, so hofft sie wird es in Namibia so sein, wie in der DDR. Kein Rassismus mehr.

Aber hier wie dort haben Ossis keine Lobby. Es ist wie Thälmann schon sagte, Armut kriegt man umsonst, Reichtum muss man sich nehmen, das gibt einem niemand freiwillig.

Unser Land gehört uns, unsere Eltern haben dafür gearbeitet, wir haben das Recht es uns zurück holen. Und Namibia gehört nicht nur den Weißen Einwanderern, sondern vor allen Dingen auch den Schwarzen.
Und für uns Ossis, sind auch die Schwarzen Ossis von Namibia, die Moritzburger von Hanoi, die Magermans von Mosambique, die Chilenen und Vietnamesen, Angolaner und Kubaner und wo immer sie leben, Kinder der DDR auf die wir stolz sind. Sie sind ein Stück unserer Geschichte.

Weitere Links:

Advertisements

Über monopoli

Nobody rules us but we ourselves.

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Namibias Ossis

  1. Hat dies auf Muss MANN wissen rebloggt und kommentierte:
    Die neuen Westdeutschen Herren in der DDR vergeudeten keine Zeit um sich schnellstmöglich der schwarzen ungeliebten “Kommunisten-Kinder” zu entledigen. Dabei waren sie noch nicht einmal volljährig!

    Verfasst von jauhuchanam राम अवत कृष्ण יוחנן אליהו | 29 April, 2016, 10:26 pm

Was sagst du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Archiv

NATO verlangt 2% des Haushaltes
für das Militär auszugeben,

das wären 65 Mrd. Euro jährlich
derzeitiger Militär-Etat: 36,6 Mrd.$
Militär-Etat USA 2015: 1839,53$
Militär-Etat Ger 2017:... 488,09$
Militär-Etat Rus 2015:... 466,44$
(Angaben pro Einwohner des Landes.)

Blog Stats

  • 738,285 hits
Follow monopoli on WordPress.com

Deutschland

Deutschland-DNA

Deutschland-DNA

RSS Pravdatvcom

  • Ein Fehler ist aufgetaucht - der Feed funktioniert zur Zeit nicht. Probiere es später noch einmal.

RSS Lausitzer KlimaCamp

  • Ein Fehler ist aufgetaucht - der Feed funktioniert zur Zeit nicht. Probiere es später noch einmal.
%d Bloggern gefällt das: