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Poststraße
Euromarkt, IQ, Kultur, Lobby, Monopole, Partei-Einheitsbrei, Verblödungsmedien

Urheberrecht: Politik missbraucht Autoren & Künstler

Regelmäßig werden Intellektuelle in vorwurfsvollem Ton zu mehr politischer Einmischung aufgefordert, erfolgt eine solche, wird mit Ablehnung reagiert. Künstlerischer Revolte – Fehlanzeige.
Doch plötzlich, just ein Aufruf, nein, Aufschrei!
Rund sechstausend Kulturschaffende versammeln sich zur wahrscheinlich größten intellektuellen Unterschriftenaktion aller Zeiten. Geht es um die Rettung Europas oder um soziale Rechte? Nein, es geht darum, die angebliche Abschaffung des Urheberrechts zu verhindern. Wie kommt das? Die Antwort ist einfach – gute Lobbyarbeit.

Verlage & Agenturen fordern massenhaft ihre Mitglieder auf sich dem Aufruf anzuschließen um angeblich ihre Urheberrechte zu schützen und keine finanzielle Einbußen zu erleiden.
Selbstverständlich ist es legitim, die eigenen Interessen zu verteidigen. Der Aufruf „Wir sind die Urheber“ lässt allerdings im Unklaren, was genau diese Interessen sind und gegen wen sie verteidigt werden sollen. Auffällig viele Schriftsteller und Schriftstellerinnen haben das Pamphlet unterzeichnet, so als seien die deutschen Autoren durch Raubkopierer in ihrer Existenz bedroht.

Aber wie stehts es wirklich darum?

Der ökonomische Alltag eines Autors zeichnet ein anderes Bild, denn kaum einer lebt vom Buchverkauf.

Ein paar Zahlen zur Aufklärung:

Ein belletristisches Werk, das sich dreitausend Mal verkauft, ist in Deutschland kein Flop.
Fünftausend verkaufte Exemplare sind ein Achtungserfolg, zehntausend ein richtiger Erfolg.
Mit zwanzigtausend verkauften Büchern wird man bereits als „Bestsellerautor“ tituliert.

Bei branchenüblichen Tantiemen von 10% und einem Ladenpreis von rund 20 Euro liegt der Gesamtverdienst eines „normal“ erfolgreichen Autors also zwischen 6.000 und 40.000 Euro – vor Steuern.
Geht man von zwei bis drei Jahren Arbeitszeit für die Fertigstellung eines Romans aus, kommt man auf ein Monatsgehalt zwischen „fast nicht vorhanden“ und „äußerst bescheiden“.
Mit dem Internet oder Raubkopierern hat diese missliche Lage überhaupt nichts zu tun.

Und auch in anderen Branchen der Kunst sieht es nicht anders aus. Was Agenturen und Verlage eint ist lediglich der Verlust des Monopols auf den Vertriebsweg. Stehen nämlich dem Künstler neue Wege offen, ist das für sie eine reichlich missliche Lage denn dann ist ihr Business in Gefahr. Der Künstler findet nämlich im freien Internet jede Menge neue Vertriebskanäle. Das ist bedenklich kurzsichtig von Künstlern und Autoren.

In Deutschland leben Tausende freiberuflicher Autoren. Der Grund liegt in einem Subventionssystem, das aus Literaturpreisen (etwa 1500), Arbeits- und Aufenthaltsstipendien, Sozialleistungen (Künstlersozialkasse), Auftragsarbeiten von Theatern und öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern, Poetikvorlesungen und Gastprofessuren der Universitäten sowie den weit verbreiteten Lesungen besteht, die meist ebenfalls von der öffentlichen Hand oder Stiftungen gefördert werden. Die Bedrohung durch eine (übrigens fiktive, weil von niemandem ernsthaft geplante) Einschränkung des Urheberrechts ist also keineswegs existentiell, wie die Lautstärke dieses Pamphlet vermuten lässt.

Es ist vor allem die rund um den Aufruf immerwieder zu hörende Behauptung, das Künstler in Deutschland nicht geschätzt werden.
Ebenfalls verwunderlich ist die Aussage des Aufrufs, zwischen „Verwertern“ und „Urhebern“ bestehe kein Konfliktpotenzial, sondern man ziehe gemeinsam gegen Raubkopierern zu Felde. Dabei ist die Zahl der illegalen Buchkopien eher lächerlich gering.

Der klassische Interessengegensatz „Autor-Verlag“ wird komplett ausgeblendet und auf die Beziehung „Autor-Leser“ beschränkt. Tatsächlich hat jedoch der Verlag viel mehr Einfluss auf den Verdienst eines Künstlers als der Leser.
Dies beginnt schon bei den Verlagsverträgen. Rückstellungen insbesondere in Musikverlagen gehen allzuoft zu Lasten der Urheber. Das ist keine Verlagsinvestition sondern eine Risikoverlagerung auf den Subunternehmer – in dem Fall der Künstler.

In der Logik des Arbeitskampfs hetzt man also den Fliessbandarbeiter gegen den Käufer auf, um sein Recht auf Bezahlung zu verteidigen.
Es schadet es nicht, sich daran zu erinnern, dass der letzte Kampf um das Urheberrecht keine zehn Jahre her ist und dass es bei diesem Kampf keineswegs um die Abschaffung des geistigen Eigentums durch gierige und gewissenlose Leser, sondern um eine Verbesserung der Stellung des Urhebers gegenüber den Verwertern ging. Gegen massiven Widerstand seitens der Verwertungskonzerne wurde eine so simple Regelung wie der Anspruch auf angemessene Vergütung ins Urhebervertragsrecht aufgenommen.
Und auch der Streik der Hollywood-Drehbuchautoren richtete sich nicht gegen die Zuschauer sondern gegen die Produktionsfirmen, die die Drehbuchautoren mehr schlecht als recht bezahlten, während Schauspielergagen immer weiter stiegen.

Weil sich dadurch jedoch nur wenig in der Praxis geändert hat, empfahl die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ noch im Dezember 2007, den urhebervertragsrechtlichen Schutz der Künstler gegenüber den Verwertern weiter zu verbessern.
Für schöngeistige Schriftsteller hat dieser Kampf eher geringere Bedeutung, weil einige Literaturverlage noch immer mehr idealistisch eingestellt sind und ihre Autoren angemessen beteiligen. Doch für viele andere Schreibberufe gilt das nicht, wie man beim Blick über den Tellerrand feststellt: Noch immer nagt ein Großteil der Übersetzer am Hungertuch. Zeitungskonzerne nehmen freiberuflichen Journalisten mit Hilfe von Buyout-Verträgen ihren „Content“ (Inhalte) ab, um diesen in alle Himmelsrichtungen auch via Internet zu verkaufen. Der Urheber verdient daran nichts mehr. Die Mehrfachverwertung ist die übliche Praxis. Als Argument für diese sittenwidrigen Praktiken geben sie an, dass Internet zwinge sie quasi zum Content-Verkäufer zu werden, weil sich ja mit Zeitungen nichts mehr verdienen ließe.

Trotz dieser Missstände bietet der Aufruf auch urheber-unfreundlichen Verwertern, sich im Kampf für das Urheberrecht auf die „gute“ Seite zu stellen. Überhaupt geht es ihnen nur um den Schutz des armen kleinen Autors bzw. Urhebers.

Ohne einen Krieg zwischen Künstlern und „Content-Mafia“ heraufbeschwören zu wollen, zeigt ein nüchterner Blick auf die politische Realität, dass die Unterzeichner des Aufrufs sich vor einen fremden Karren spannen lassen.
Am Ende haben sie nichts davon, sie haben lediglich die Rechte jener Verwerter verteidigt, die ihnen die Preise diktieren. Sie sind nicht nur die Dummen, sie wurden auch missbraucht.

Wenn die Verabschiedung von Gesetzespaketen betrieben wird, mit deren Hilfe Urheber- und Patentrechtsverstöße im Netz schärfer verfolgt werden sollen, sind es nicht die Schriftsteller- und Journalistenverbände, die ihre Lobbyisten nach Brüssel und Washington entsenden. Für Initiativen wie Acta und Sopa machen sich vor allen Dingen die Interessenvertreter und Lobbyisten von Medienkonzernen, Sicherheitstechnologie- und Pharmaindustrie stark.
Denen sind die Interessen ihrer Künstler herzlich egal. Was sie wollen ist ihren Namen, wie in der Kampagne „du bist Deutschland“ die letztendlich nur von der INSM lobbygesteuert zur Abwälzung von Sozialleistungen auf dem Rücken freiwilliger Initiativen geführt hat. Aber wofür genau zahlen wir dann noch Steuern an den Staat? Damit er mit dem eingesparten Geld notleidende Banken unterstützt?

Die massiven Proteste gegen diese Gesetzesvorhaben erwecken bei vielen Künstlern den Eindruck, es wimmele überall nur so vor Urheberrechtsfeinden die gnadenlos ihre Arbeiten kopieren. Das ist bei weitem nicht der Fall und auch die Abmahnbranche freut sich diebisch das sich Künstler so leicht missbrauchen lassen, fördert das doch ihr Geschäftsmodel erheblich.

Wacht auf Künstler, Bürgerrechtler sind nicht Gegner des Urheberrechts, im Gegenteil, sie fordern die Stärkung der Position von Urhebern gegenüber den Verwertern.
Wisst ihr überhaupt was ihr da fordert? Bestenfalls nur Geiz und Gier bei der Verwertung eurer Werke, nicht eure Position oder gar eure Einnahmen.

Wenn sie also „den Schutz des Urheberrechts stärken und den heutigen Bedingungen des schnellen und massenhaften Zugangs zu den Produkten geistiger Arbeit anpassen“ wollen, sind sie am Ende nur selbst die Dummen die sich immer weiter den Verwertern unterwerfen bis sich Kunst nicht mehr lohnt.

Es gibt keine einzige Gesetzesinitiative zur Abschaffung des Urheberrechts. Aber es gibt eine Menge Gesetzesinitiativen zur Überwachung des Internets. Das ist das eigentliche Interesse der Politiker. Provider sollen ihre Kunden beobachten und deren Daten offenlegen. Privaten Nutzern soll als Strafmaßnahme der Internetzugang gesperrt werden. Auch der Einsatz von „deep packet inspection“, Trojanern zur Online-Durchsuchung oder Vorratsdatenspeicherung kann mühelos mit dem „Schutz von Urheberrechten“ begründet werden. Ähnliche Vorstöße, den angeblich rechtsfreien Raum des Internets unter Kontrolle zu bringen, wurden bereits – teilweise erfolgreich – im Namen von Kinderpornographiebekämpfung und Terrorismusverfolgung unternommen.

Geht es hier wirklich vor allem darum, die Kultur gegen „Geiz und Gier“ zu verteidigen?

Noch spielen E-Books auf dem deutschen Buchmarkt kaum eine Rolle. Wenn man sich mit den Erfahrungen der Musikindustrie für die Zukunft wappnen will, dann sollte man registrieren, dass die strafrechtliche Verfolgung von privaten Usern nichts bringt. Zudem können möglicherweise illegal operierende Filehoster bereits nach bestehender Rechtslage zur Rechenschaft gezogen werden. Gegenüber den Lesern kommt es darauf an, digitale Produkte zu einem vertretbaren Preis in leicht verfügbarer Form anzubieten. Der Preis eines E-Books in Höhe von 18 Euro und mehr mag kostendeckend sein – für eine mit Kopierschutz belegte Datei, die nur auf bestimmten Lesegeräten eingeschränkt abrufbar ist, könnte er als zu hoch empfunden werden. Zahlungswillige Leser werden durch eine schwer zu vermittelnde Preisgestaltung tendenziell zum illegalen Download getrieben.

Die Politik ins Blaue hinein zum Handeln aufzufordern, führt bestenfalls dazu, dass irgendwelche absurden Gesetze erlassen werden, die in der Praxis mehr Schaden als Nutzen anrichten. Zukunftsangst und Kulturpessimismus sind schon immer schlechte Ratgeber gewesen.

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Nobody rules us but we ourselves.

Diskussionen

2 Gedanken zu “Urheberrecht: Politik missbraucht Autoren & Künstler

  1. Hat dies auf Treue und Ehre rebloggt.

    Verfasst von Runenkrieger11 | 4 Februar, 2014, 10:27 pm
  2. Reblogged this on SunnyRomy.

    Verfasst von sunnyromy | 6 Juni, 2012, 7:11 am

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Militär-Etat Ger 2017:... 488,09$
Militär-Etat Rus 2015:... 466,44$
(Angaben pro Einwohner des Landes.)

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