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Gratis & umsonst: Die fatale Kultur des Ehrenamts

Gratis & Umsonst: Die fatale Kultur des Ehrenamts

von Claudia Pinl für Blätter

Im September war es wieder so weit – da fand bundesweit die „Woche des bürgerschaftlichen Engagements“ statt, Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker werden dann wieder einmal zu freiwilligem Engagement aufrufen, „zu einer Kultur der Solidarität, der Zugehörigkeit und des gegenseitigen Vertrauens“, wie es in einer Presseerklärung der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer heißt. 23 Millionen Menschen sind in Deutschland in irgendeiner Form ehrenamtlich engagiert, rund ein Drittel der Bevölkerung über 15 Jahre. Doch anscheinend sind es nicht genug, denn nicht nur während der „Woche des bürgerschaftlichen Engagements“ wird mächtig die Werbetrommel gerührt.

Die Bilder vom Elbe- und Donauhochwasser sind noch sehr präsent, auch die Erinnerung an die vielen freiwilligen Helfer, die zusammen mit professionellen Katastrophenschützern Tag und Nacht an den Deichen gearbeitet haben. Im Überschwang der Dankbarkeit gegenüber diesen Freiwilligen während eines Ausnahmezustands tritt die Schattenseite der Entwicklung in den Hintergrund – dass nämlich inzwischen wesentliche Teile des Sozialwesens, der Bildung und der kommunalen Infrastruktur dauerhaft auf ehrenamtliches Engagement setzen. Von den freiwillig Engagierten in Deutschland sind mindestens ein Drittel in Bereichen tätig, die vor nicht allzu langer Zeit noch vollständig als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge galten: Überschuldete Kommunen verlagern die Verantwortung für Bibliotheken und Schwimmbäder auf Fördervereine; Schulen beschäftigen ehrenamtliche Lesepatinnen und Hausaufgabenbetreuer und lassen Eltern Klassenzimmer streichen; unter Kostendruck geratene Krankenhäuser und Altenheime setzen ebenso auf Ehrenamtliche wie die Lebensmittelausgaben der „Tafeln“, um nur einige Bereiche zu nennen.

Die 90er Jahre als Zäsur

Die massive Nutzung der Ressource „bürgerschaftliches Engagement“ setzte mit der neoliberalen Umgestaltung von Staat und Gesellschaft in den 90er Jahren ein.[1] Im Zeitalter der Globalisierung war die traditionelle deutsche Wohlfahrtsstaatlichkeit angeblich nicht mehr finanzierbar. Was insofern stimmte, als Steuern und Abgaben zugunsten von Unternehmen und Reichen massiv abgesenkt wurden, während gleichzeitig die Zahl der Bedürftigen immer weiter anstieg, dank Niedriglohnpolitik und der Deregulierung von Beschäftigungsverhältnissen. Die ökonomischen Interessen hinter dieser Politik des Staatsabbaus verschwanden jedoch schnell unter einem ideologischen Schleier scheinphilosophischer Rechtfertigungen. Demnach produziert das persönliche freiwillige Engagement „soziales Kapital“ und schafft damit gesellschaftliche Integration, im Unterschied zum Sozialstaat alter Prägung, der von den Ideologen der „Bürgergesellschaft“ gern als bürokratisch-autoritäres Monster dargestellt wird.

Angeblich besitzt ehrenamtliche Arbeit an und mit Menschen eine ganz besondere Qualität, die professionelle Sozialarbeiter, Jugend-, Kranken- oder Altenpflegerinnen, Erzieher oder Lehrerinnen so nicht einbringen können. Nach dem Motto „wahre Nächstenliebe kostet nix“ bekommen die Einsparungen im Sozialwesen und die Unterfinanzierung der Bildung einen Heiligenschein verpasst, der ihnen jedoch nicht zusteht. Zunehmend wird die sogenannte Care-Arbeit, also direkte Zuwendung und Gespräche, aus den Arbeitsplatzbeschreibungen der Erwerbstätigen in der Pflege und der Gesundheitsindustrie ausgeklammert und Ehrenamtlichen zugewiesen. Faktisch bedeutet dies eine Abwertung und Dequalifizierung der derart geschrumpften Arbeitsplätze: Zu behaupten, dass menschliche Zuwendung und sozialer Zusammenhalt im Grunde nur über Gratisarbeit zu erreichen seien, ist ein Schlag ins Gesicht der Krankenschwestern und Altenpfleger, der Erzieherinnen und Sozialpädagogen, die ja auch einmal ihre Berufe wählten, um mit Menschen zu arbeiten und ihnen zu helfen – die allerdings die Unverfrorenheit besitzen, dafür Gehälter zu erwarten.

Die neue „Kultur des Helfens“

Wenn es darum geht, die Werbetrommel für das Ehrenamt zu rühren, ziehen moralische, vor allem aus religiösen Werten abgeleitete Appelle immer weniger. Man muss die „Kultur des Helfens“ als quasi unverzichtbar begründen. Tatsächlich ist damit ein wachsender Teil der Bewusstseins- Industrie beschäftigt, Professoren und Politiker, Stiftungen und Freiwilligen-Börsen, Werbe-Agenturen, Forschungsinstitute und Industrieverbände. Bestseller-Autor Richard David Precht entwirft düstere Bilder gesellschaftlicher Desintegration, wenn wir uns nicht rechtzeitig als einzelne Bürgerinnen und Bürger um die Verlierer des Bildungssystems kümmern, und der bekannte Psychiater und Soziologe Klaus Dörner warnt angesichts der alternden Gesellschaft vor einem „explodierenden Hilfebedarf“.

Noch allgemeingültiger und damit eleganter lassen sich Ehrenamtlichkeit und Freiwilligkeit rechtfertigen, wenn man sie als tragende Elemente einer neuen Vorstellung von Gesellschaft positioniert. In Modernisierungs-Modellen für staatliches Handeln, die seit etlichen Jahren unter dem englischen Begriff der New Public Governance das Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Ökonomie weltweit neu zu definieren suchen, spielt bürgerschaftliches Engagement eine tragende Rolle. Anders als in klassischen Staats- und Verwaltungsvorstellungen soll der Staat hier nicht mehr die ausschlaggebende Rolle bei der Lenkung und Steuerung gesellschaftlicher Prozesse spielen. Staat und Kommunen sind nach dieser Vorstellung lediglich gleichberechtigte „Akteure“ unter anderen: Familie, Nachbarschaft, Markt, Sozialversicherungsträger, Non-Profit-Organisationen, gewerbliche Anbieter sozialer Dienste, aber auch Unternehmen, die sich im Rahmen von Corporate Social Responsibility einbringen, und, nicht zuletzt, die ehrenamtlich und freiwillig Engagierten. Als Ergebnis der komplexen Vernetzung dieser unterschiedlichen „Akteure“ soll sich zukünftig „Wohlfahrtsproduktion“ einstellen.

Empowerment: Die schöne neue Welt der Governance

Governance-Konzepte sollen die Effizienz und Effektivität von Verwaltungen erhöhen, aber auch die Akzeptanz von Verwaltungshandeln. Dazu werden Steuerungs- und Regelsysteme, Strukturen und Abläufe nach betriebswirtschaftlichen Kriterien durchleuchtet und optimiert. Im Sinne einer möglichst schlanken Verwaltung zielen Governance-Programme auf Privatisierung und Deregulierung, sprich: auf die Verlagerung staatlicher bzw. öffentlicher Entscheidungskompetenzen auf private „Akteure“. Dem bürgerschaftlichen Engagement kommt dabei eine Schlüsselfunktion zu. Dabei wird stets behauptet, dass die Gratis-Arbeit der Engagierten nicht aus betriebswirtschaftlichem Kalkül gefördert werde, sondern aus demokratiepolitischem: Indem Staat und Kommunen uns, den Engagement-Willigen, helfen, unseren Wunsch nach Engagement umzusetzen, eröffnen sie uns zugleich neue Wege der Partizipation am Gemeinwesen. Aus der Not – der finanziellen Austrocknung von Wohlfahrtsstaat, Bildungssektor und Kommunen – wird so eine demokratische Tugend gebastelt. Im engagementpolitischen Neusprech heißt das dann: „Die Bürgerin bzw. der Bürger wird nicht mehr nur als Leistungsempfänger und Konsument, sondern als aktiver, eigensinniger und relativ selbstbestimmter Koproduzent im System des gesellschaftlichen Bedarfsausgleichs betrachtet.“[2]

Mehr Einfluss auf kommunalpolitische Entscheidungen, größere Chancen, unser aller Kreativität einzubringen, mehr Partizipation – das klingt sympathisch nach Basisdemokratie oder, neudeutsch, nach Empowerment. Dieser aus der Entwicklungszusammenarbeit stammende Begriff wird gern von den Propagandisten der Engagementpolitik verwendet, wenn sie von „Sphären der Selbstermächtigung“ schwärmen, die angeblich entstehen, wenn erst die Bürger „in die öffentliche Leistung und Aufgabenerfüllung eingebunden“ sind. Der semantisch-symbolische Gehalt basisdemokratischer Begriffe wird so geschickt genutzt, um den Abbau kommunaler und wohlfahrtsstaatlicher Infrastruktur zu bemänteln. Doch im Gegensatz zu jenen Ehrenamtlichen, die einen „Bürgerbus“ über die Dörfer steuern oder in der Schule die Klassenzimmer streichen, sind die „Wutbürger“ am Stuttgarter Hauptbahnhof nicht gemeint, wenn es um die „Ko-Produktion von Wohlfahrt“ geht. Denn was in der „Woche des bürgerschaftlichen Engagements“ und rund ums Jahr von uns eingefordert wird, ist nicht die Mitbestimmung über Großprojekte und demokratischer Widerstand gegen die Durchsetzung wirtschaftliche Interessen, sondern unser gratis zu leistender Arbeitseinsatz in den Bereichen Pflege, Bildung und kommunale Dienste. Und weil dieser trotz ständiger Glorifizierung des Ehrenamts nach wie vor nicht für alle selbstverständlich ist, wird nun immer öfter mit „Aufwandsentschädigungen“ aller Art gelockt.

So sieht das neueste Gesetz zur Stärkung des Ehrenamts der Bundesregierung von März dieses Jahres eine weitere finanzielle Förderung des Ehrenamtes vor (etwa durch Erhöhung des Freibetrags der allgemeinen Ehrenamtspauschale um 220 Euro auf 720 Euro jährlich). Die Jugend-Freiwilligendienste (wie das „Freiwillige Soziale Jahr“) und der seit 2011 bestehende Bundesfreiwilligendienst machen den Einsatz von Ehrenamtlichen zudem plan- und berechenbar. Auch das darf dann schon mal ein bisschen Geld kosten. Bis zu 336 Euro im Monat erhält man als „Bufdi“; was immer noch billiger ist als selbst die niedrigen Gehälter im Pflege- oder Kita-Bereich.

Offiziell sollen die Dienste zwar „arbeitsmarktneutral“ ausgestaltet sein, das heißt keine regulären Arbeitsplätze ersetzen. Faktisch sind die meisten Ehrenamtlichen in Kindertagesstätten, Kliniken oder Altenheimen voll in die Arbeitsabläufe integriert und leisten damit einen Beitrag zur Ausdehnung des Niedrigstlohn-Sektors. Vor allem in den ostdeutschen Bundesländern interessieren sich für den Bundesfreiwilligendienst keineswegs primär die ganz Jungen oder die Älteren jenseits des Erwerbslebens, sondern Menschen im besten Erwerbsalter, die auf anderem Wege keine bezahlte Arbeit finden. Der Grund liegt auf der Hand: Um kostengünstige Bufdis werben alle – Krankenhäuser, Wohlfahrtsverbände, Kitas und Kommunen. Die Arbeit ist also da, nur will niemand mehr dafür bezahlen. Warum auch, wenn Ehrenamtliche sie umsonst erledigen und Dienstleistende für ein Taschengeld zu haben sind?

Vom Sozialstaat zum Mildtätigenwesen

Die Übergänge zum weiten Sektor prekärer Beschäftigungen sind dabei längst fließend. Vor allem Wohlfahrtsverbände sind erfinderisch, wenn es darum geht, Personalkosten zu sparen. 2010 wurde bekannt, dass unter anderem bei der AWO prekär Beschäftigte, die beispielsweise mit 400-Euro-Jobs in der Altenpflege tätig waren, zusätzlich sozialversicherungsfrei als „Ehrenamtliche“ arbeiteten. Entschädigt wurden sie dafür in der damals geltenden Höhe der steuerrechtlich vorgesehenen „Übungsleiterpauschale“, wonach nebenberuflich/ehrenamtliche Trainer in Sportvereinen, Chorleiter, aber auch Erzieherinnen und Betreuerinnen für den nebenberuflichen Einsatz bis zu 175 Euro im Monat steuerfrei einnehmen durften. Der Trick bestand darin, die Mini-Jobs um genau diesen Betrag aufzustocken. Weil die Arbeitszeit ebenfalls aufgestockt wurde, blieben die meisten der so Beschäftigten unterhalb der Niedriglohnschwelle, die 2010 bei 9,50 Euro in Westdeutschland und 6,87 Euro im Osten lag, so dass keine Sozialabgaben anfielen. Geld, das für die Förderung des Ehrenamts gedacht war, entlastete so die Kassen der Wohlfahrtsverbände und vergrößerte zugleich die Zahl prekärer Beschäftigungsverhältnisse.

Gewiss, Verantwortung zu übernehmen, nicht nur für die eigene Person oder Familie, sondern auch für das Umfeld, in dem man lebt, schafft Zufriedenheit. Anderen zu helfen, macht froh und bereichert. Aber die immens wichtige Ressource des gesellschaftlichen Engagements gerät in Gefahr, wenn sie als bloße Lückenbüßerin für eine verfehlte Politik herhalten muss. Aus latenten Bereitschaftspotentialen und spontanen Hilfsimpulsen würden systematisch berechenbare Hilfeleistungen gemacht, rügte „Tafel“-Kritiker Stefan Selke auf einem Kongress der Gewerkschaft Verdi im November 2012.[3] Auf diese Weise werde der Sozialstaat immer mehr zum Mildtätigenwesen, ohne dass sich irgendwer groß darüber aufregt. Im Gegenteil: Öffentlich zu kritisieren, dass immer mehr kostenloses Engagement eingefordert wird, gilt vielen als schändlicher Frevel an der guten Sache.

Der Zufall will es, dass die Woche des bürgerschaftlichen Engagements (vom 10. bis 21. September) diesmal exakt mit dem Höhepunkt des Bundestagswahlkampfs zusammenfällt. Eigentlich eine gute Gelegenheit, einmal nicht die Werbetrommel für noch mehr Ehrenamtlichkeit zu rühren, sondern zu fragen, warum die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland immer weiter wächst, bei gleichzeitig zunehmender Überschuldung der öffentlichen Haushalte. Und welche Politik es tatsächlich braucht, damit Kommunen wieder ihre Schulen, Schwimmbäder und Kultureinrichtungen finanzieren können, die menschenwürdige Pflege von Kranken und Alten gewährleistet wird und auch weniger qualifizierte Erwerbstätige zukünftig von ihrer Arbeit leben können. Für ehrenamtliches Engagement ist dann immer noch Platz. Aber nicht mehr für die Verplanung der gesellschaftlich Engagierten als billige Alternative zu bezahltem Personal.

 

[1] Vertiefend zum Thema vgl. Claudia Pinl, Freiwillig zu Diensten? Über die Ausbeutung von Ehrenamt und Gratisarbeit, Frankfurt a.M. 2013.
[2] Vgl. den „Ersten Engagementbericht der Bundesregierung“, Berlin 2012, S. 194.
[3] Vgl. auch Stefan Selke, Die neue Armenspeisung. Der Boom der Tafel-Bewegung, in: „Blätter“, 1/2009, S. 95-100. 
(aus: »Blätter« 9/2013, Seite 13-16)
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