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Poststraße
Bildung

Bildung für alle? Einbildung!

Voelmy¹ hat es schon 1964 erkannt: Die DDR-Bildung war der BRD-Bildung weit überlegen. Denn die Voelmy-Studie beweist, daß zehn Jahre polytechnischer Unterricht die DDR-Schüler keineswegs zu sozialistischen Robotern abgestumpft haben. Die jungen Ostdeutschen waren vielmehr ihren westdeutschen Altersgenossen weit voraus: Sie besaßen mehr schöpferische Initiative und Selbständigkeit, die sie befähigten, im Berufsleben wendiger zu agieren und zu reagieren. Voelmy stieß bei seiner Analyse auf „keinen Beweis für die Behauptung, daß alles unterrichtliche Geschehen vornehmlich von politischen Motiven her begründet und gesteuert wird“. Er hat es sogar rechnerisch belegen können: die 13-jährigen DDR-Schüler waren bereits weiter als ein westdeutscher Abiturient.

Die westdeutschen Pädagogen hätten von ihren DDR-Kollegen vieles lernen können, doch zwei Hindernisse standen dem entgegen: die westdeutschen Lehrer wollten vom ostdeutschen Lehrkörper nichts lernen und der Staat hat 1990 nicht geschaut, dass man für ein fortschrittlicheres gemeinsames Deutschland die ostdeutsche Bildung übernimmt und durch westdeutsche Vorzüge ergänzt und weiter verbessert.

Versuchen wir also eine rückblickende, persönliche Bestandsanalyse. Es ist nicht so einfach, pauschale Unterschiede zur Bildung zu erklären. Denn schließlich hängt vieles auch individuell von der Lehrkraft ab.

Bildung selbst ist auch nicht pauschal. Sie findet an vielen unterschiedlichen Institutionen statt. Es gibt Krippen, Kindergärten, Grundschulen, Haupt-,Real-,Gesamt-,Mittel-,Haupt-&Realverbundsschulen usw. und Gymnasien, dann gibt es Fachabitur, Fachhochschulen, Berufsschulen, die betriebliche Ausbildung, Universitäten, Akademien, Kunst-,Musik-,Sport-, Schauspielhochschulen…
Diese beiden Abhängigkeiten sollten beweisen, wie schwer es ist, zumal ohne Qualifikation, in angemessener Kürze über Staats- und Systemunterschiede von Bildung zu sprechen.

Ein Versuch:

Wesentlich für den Erfolg osteuropäischer und ehemaliger DDR-Bildung halte ich, dass sie nie fragt: wer kann etwas am besten? Sondern sie fragt immer: wie können wir ALLEN so viel wie möglich beibringen?

Dazu gehört, dass Grundlagen, Grundsätzliches, das alle wissen müssen, an allen Ausbildungsstätten Standard ist. Man findet also keine Kunsthochschule, die nicht JEDEM Studenten die Bedienung der wichtigsten Techniken zeigt oder JEDEM Studenten die wichtigsten Eckpunkte der Kunstgeschichte beibringt, natürlich in den relevanten Zusammenhängen.

Für JEDEN Studenten wird eine handwerkliche Ausbildung in den wichtigsten Techniken Zeichnen, Malerei, Bildhauerei, Drucktechniken, Foto, Video, Computergrafik vorgesehen. Das gehört in den ersten Studienjahren zu den Pflichtveranstaltungen. Mit dem Vordiplom hat also jeder Student wesentliche handwerkliche und intellektuelle Fähigkeiten, die ihn für seinen Beruf qualifizieren. Danach ist er frei, denn gerade in der Kunst darf man nicht so viel vorgeben.

Anders an einer deutschen Kunsthochschule. Es ist unmöglich, Unterricht in allen Fächern zu bekommen. Entweder gibt es überhaupt keine regulären Kurse oder die Zeiten überschneiden sich, es gibt extrem begrenzte Plätze (z.B. 20/1000 Studenten können pro Jahr am Siebdruck teilnehmen), für jede Veranstaltung muss man sich extra und vor allem schnell anmelden, Angebote in der Kunstgeschichte sind zusammenhangslose Vorlesungen zu speziellen Themen, die die jeweiligen Dozenten gerade interessieren. Was der Einzelne dabei lernt, ist den Lehrenden völlig gleichgültig, und das Interesse, ALLEN eine solide Ausbildung zu ermöglichen, ist überhaupt nicht vorhanden! Es wird nur gefragt: Wer kann’s am besten? Und die mangelhafte Fähigkeit der Lehrenden, die Studenten zu motivieren, wird durch Wettbewerbe ausgeglichen.

Das ist nur eines von Millionen von Beispielen, die ich am liebsten nennen möchte. Die Probleme speziell im Vergleich der Kunsthochschulen sind nämlich noch gering gemessen an den Unterschieden in der Schulbildung oder an normalen Universitäten.

Hier noch ein paar Differenzen in den Lehrmethoden, in der Herangehensweise beim Unterrichten, denn auch die unterscheiden sich sehr.

  • Kindergarten und Grundschule werden als Orte der gesellschaftlichen Erziehung begriffen. Entsprechend hoch angesehen sind Erzieher. Sie erhalten eine hochkarätige Ausbildung. Es wird verstanden, dass es immer Ideologie gibt und die Frage nur lautet: welche. In Deutschland wird Ideologie geleugnet und ist daher umso schlimmer vorhanden.
  • Schule lehrt kritisches Denkvermögen und Kreativität, und zwar so gut wie ALLEN Schülern, nicht nur einzelnen. In der weiterführenden Schule geht es vor allem um Textanalyse, das heißt Leseverständnis, in Mathe um Aufgabenverständnis. Es wird verstanden: wer die Aufgabe/den Text nicht kapiert, hat schon verloren.

    Im westdeutschen Bildungsverständnis formuliert man keine Bedeutungsunterschiede – etwa, welche Fähigkeiten wichtiger sind als andere. Die Schüler sollen es selbst und untereinander herausfinden und landen damit in der Kommunikationsfalle: Kommunikation ist wichtiger als logisches Denkvermögen und Fertigkeiten. Auf lange Sicht führt das in eine gesellschaftliche Katastrophe.

  • Man begreift, dass Zusammenhänge wichtiger sind als Fakten, dass Fragen wichtiger sind als Antworten. Entsprechend wird vermittelt.
  • Fragen zu bevorzugen bedeutet vor allem das Herauskristallisieren von wichtigen und für interdisziplinäre Zusammenhänge bedeutsamen Fragestellungen. Ein Diskurs über Qualität ist auf permanent hinterfragbaren Konsens gerichtet.
  • Die Wissenschaft orientiert sich in ihrer Wertschätzung nicht daran, ob die Fragestellung eines Werkes NEU ist, sondern ob sie RELEVANT ist. Westdeutsche halten so eine Richtung für eine Einschränkung der persönlichen Freiheit. Allein, eine abschließende Interpretation, eine Deutung des Seins, ist simpel unumgänglich, weil die Menschen Geschichte nicht gegenwärtig entwickeln können ohne der vorhergehenden Sinn beizumessen, und zwar nach Lage und Ausrichtung einen verschiedenen (das wird allzu oft vernachlässigt).
  • Der Lehrende weiß, dass Inhalte erst durch Wiederholung verstanden werden können. Inhalte ohne Wiederholung sind verloren oder Zeitverschwendung.
  • Es wird nicht vom Lernenden erwartet, für seine eigene Leistung verantwortlich zu sein. Verantwortlich für die Lernerfolge des Lernenden ist zu 95% der Lehrende. Er muss die Schwächen erkennen und jedem Lernenden zeigen, wie er seine Schwächen behebt.
  • Weil der Anspruch in Ost ist, JEDEM Lernenden zu Erfolg zu verhelfen, können Osteuropäer und Ostdeutsche besser mit der vorhandenen Zeit umgehen. Sie verstehen es effizienter, welche Inhalte für ALLE relevant sind und welche Inhalte INDIVIDUELL verschieden wichtig sind. Inhalte, die für alle relevant sind, werden entsprechend an alle gemeinsam vermittelt, während interessenabhängige Inhalte mit Einzelnen besprochen werden. In West ist das oft andersherum bzw. wird die Frage nach Effizienz gar nicht gestellt.
  • Didaktik wird nicht als störend begriffen sondern als unverzichtbarer Bestandteil der Lehre. Didaktik bedeutet die Fähigkeit der Lehrenden, die Lernenden höchstmöglich zu motivieren.
  • Höchstmögliche Motivation der Lernenden ergibt sich aus der individuell richtig anzuwendenden Mischung aus Lob und Kritik, aus Vorgaben und Freiheiten, aus Fragen und Antworten (die der Lehrende vorgibt). Dazu muss der Lehrende psychologisches Gespür haben.
  • Psychologisches Gespür aber fehlt den Westdeutschen absolut. Westdeutschen fehlt das Verständnis, wie sich ein Mensch aus Individualität und Teil einer Gemeinschaft zusammensetzt.

Es ist unabdingbar für eine funktionierende Gesellschaft, dass man in der Bildung nicht nach dem besten Individuum fragt, sondern nach dem Besten für Alle. Eine Demokratie funktioniert nur, wenn die Mehrheit der Bevölkerung auch in der Lage ist, die gegenwärtig ablaufenden Ereignisse kritisch wahrzunehmen. Die derzeitige Bildungslage in Deutschland ist ergo eine staatliche Gefahr.

¹Voelmy, Willi: Polytechnischer Unterricht in der zehnklassigen allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule der DDR seit 1964. Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt.

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